Heinz Brunthaler

Schachpsychologie für Praktiker - Band 3
praktiker3.jpg Sprache: Deutsch
Verlag: Blauer Punkt
ISBN: 3-937339-36-1
56 Seiten, geheftet, 1. Auflage 2007
Erhältlich bei Schach Niggemann

Heinz Brunthaler, bekannt für zahlreiche Publikationen zum Thema Taktik, legt hiermit den dritten Band der Reihe „Schachpsychologie für Praktiker“ vor. Diesmal geht es um Talent, Wunderkinder und die dazugehörigen Tests.
Der Autor geht dabei auf folgende Fragen ein: Was ist Schachtalent? Ist Talent durch Training zu ersetzen? Was ist das Geheimnis der Wunderkinder? Wie erweitern Talente ihr Wissen? Studieren oder Aufschnappen?
Dazu liefert Brunthaler Definitionen und Beispiele, Auszüge aus verschiedenen Schachbegabungstests und deren praktische Anwendung. Am Beispiel von GM Michael Adams erläutert der Autor, dass es einem starken natürlichen Talent auch unter ungünstigen Umständen sehr wohl möglich ist, zur Weltspitze zu gelangen. Adams lernte das Schach von seinem Vater Bill, dieser kannte nicht einmal die Grundregeln des Spiels und musste es sich erst selbst Stück für Stück beibringen! Während seiner gesamten Kindheit erhielt Adams keine besondere Förderung, der einzige Trainer den er je hatte war Shaun Talbot, doch dieses Training konnte nur kurze Zeit durchgeführt werden aus finanziellen Gründen. Doch wie konnte Adams ohne fremde Hilfe so weit (Supergroßmeister mit über 2700 ELO) kommen? Wie der Autor ausführt, scheint das englische Schach in gewisser Weise eine Provokation für das organisierte Trainingssystem des Ostblocks zu sein. Auch bei Jonathan Speelman, Nigel Short oder John Nunn war es ähnlich wie bei Michael Adams.
Nach eigenen Angaben hat John Nunn in seinem ganzen Leben nur 12 Trainingsstunden erhalten! Bei der Betrachtung von Schachtalenten unterscheidet der Autor zwischen „natürlichen Talenten“ (zum Beispiel Capablanca, Reshevsky, Lasker, Hübner) und „Künstliche Wunderkinder“ (zum Beispiel Judith Polgar, Peter Leko, Bacrot, Ponomariov, Karjakin).
Die natürlichen Talente lernen das Spiel recht schnell und mühelos meist durch Zusehen und verblüffen durch Fertigkeiten beim Schachspiel, die nicht das Ergebnis von Lernen und Praktizieren des Spiels sind, dessen Herkunft nicht kausal begründet werden kann, aber dennoch offensichtlich vorhanden sind. Künstliche Wunderkinder werden von Anfang an professionell trainiert und unterstützt, tägliches stundenlanges Schachtraining sind hier keine Seltenheit (wenn ich mich recht entsinne hatte Judith Polgar keinen Schulunterricht, ihre Eltern unterrichteten sie, das tägliche Schachtraining umfasste ca. sieben bis acht Stunden!).

Ein weiterer Schwerpunkt des Bandes befasst sich mit den verschiedenen Tests für Schachbegabung. Der Autor stellt einige dieser Tests vor und belegt anhand einiger Beispiele Vor- und Nachteile dieser Untersuchungen. Zusammenfassend kommt Brunthaler zur Schlussfolgerung, dass sämtliche Tests gewisse Rückschlüsse auf vorhandenes Talent schließen lassen aber dies nicht als allgemeingültig angesehen werden sollte.

Fazit: Die Ausführungen und Erläuterungen Brunthalers waren für mich äußerst lesenswert und aufschlussreich. Vor allem engagierte Jugendtrainer in den Vereinen werden durch dieses Werk viele wertvolle Anregungen erhalten die das Thema Schachtraining auf eine ganz neue Weise beleuchten. Ich danke dem Autor für sein Schlusswort das auch den verantwortlichen Funktionären des DSB vielleicht zu Denken geben sollte: „…ob frühes erlernen und praktizieren des Schachspiels mit einem gewissen Automatismus zu einer hohen Spielstärke führt. Auf solchen Annahmen basiert derzeit die Kaderstruktur des Deutschen Schachbundes und seiner Landesverbände, die ein frühes Erlernalter als wesentliches Kriterium annehmen. In mehr als fünfzehn Jahren, in denen dieses Konzept in zunehmendem Maße angewendet worden ist, hat sich kein Beleg dafür ergeben“.


Ich danke der Firma Schach Niggemann , die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.


Martin Rieger, Juni 2007