Richard Palliser

The Colle
colle.jpg Sprache: Englisch
Verlag: Everyman
ISBN2: 978-1-85744-527-5
192 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2007
Erhältlich bei Schach Niggemann

Es war einmal ein Spieler namens Edgar Colle der recht erfolgreich ein Eröffnungssystem anwandte mit dem er zahlreiche Siege verbuchen konnte. Dieses System ist so einfach wie effizient, Weiß wählt eigentlich immer die gleiche Aufstellung, ganz gleich was Schwarz spielt, auch die Pläne und Manöver sind immer gleich. Weiß stellt die Bauern auf c3, d4 und e3, den Läufer auf d3 und die Springer auf f3 und d2. Ehe man sich versieht, stellt man wie in Trance (das aber erst nach einigen Colle-Partien!) den Springer auf e5, lässt f4 folgen nebst Df3 mit dem Endziel Dh3 und drückt den Gegner förmlich an die Wand.
Das funktioniert tatsächlich und ist auch kein Märchen der Gebrüder Grimm wie man vielleicht vermuten könnte. Aber warum wird dann dieses System nicht öfters gespielt?

Zugegeben, es gibt immer noch Großmeister, die dieses gefährliche System manchmal spielen, doch mehr Verbreitung und Anwendung erfährt es in unteren Spielklassen. Aber wieso?
 Ich habe selber sehr lange das Colle-System gespielt (allerdings das Colle-Zukertort System mit b3 statt c3) und ich war sehr zufrieden damit, konnte ich doch so manchen höher eingestuften Spieler damit schlagen. Ich habe auch fast keine Partie damit verloren, es war wunderbar. Doch irgendwann ist man der ewig gleichen Stellungen überdrüssig, ja man kann sie eigentlich nicht mehr sehen. Man gewinnt zwar viele Partien damit scheinbar mühelos, doch die ersten 25 Züge denkt man nicht mehr nach und wenn der Gegner es tatsächlich darüber hinaus geschafft hat, sucht man nur noch nach der elegantesten Mattlösung. Und bis zu einer gewissen Spielstärke ist auch alles sehr einfach, aber sobald man Gegner über 2300 damit konfrontiert sieht es nicht mehr so gut aus.
In meinem Fall erwiderten sämtliche Gegner nicht mehr mit den Colle-kompatiblen Damenbauereröffnungen sondern mit Königsindisch, Grünfeld oder Benoni, Eröffnungen also, gegen die das typische 0815 Colle-Schema nicht mehr funktioniert.
Irgendein Großmeister sagte einmal, der Colle sei ein wunderbares Werkzeug zur Vernichtung von Patzern! Ganz so drastisch möchte ich es nicht ausdrücken aber etwas Wahres steckt schon in dieser Aussage, obwohl der Begriff Patzer ja sehr relativ ist. Für den einen ist dieses System die Lösung all seiner eröffnungstechnischen Probleme und Schwierigkeiten, für den anderen ein Magenschmerzen bereitendes Übel das man aber doch mit der Zeit irgendwie lieb gewonnen hat, ähnlich einer Schwiegermutter die man zwar am liebsten auf den Mond schießen würde aber die einen sehr leckeren Apfelkuchen backen kann.
Man muss sich also entscheiden was man will, ein einfaches, zum größten Teil wirksames Eröffnungssystem, bei dem es abwechselnd Magenschmerzen und herrlichen Apfelkuchen gibt, oder man schießt die Schwiegermutter auf den Mond und spielt was anderes.

 Der Autor Richard Palliser versucht es dennoch mit Colle und führt den Leser anhand lehrreicher Beispielpartien und zahlreichen Anmerkungen durch diese „Amateur-Eröffnung“. Das klingt natürlich etwas abwertend, ist aber nicht so gemeint. Viele Spieler sind immer noch der Ansicht, an alles andere als Damengambit, Damenindisch, Spanisch und ähnlichen Haupteröffnungen haftet etwas Schmutziges, Schwaches, Stümperhaftes. Aber das sollte sie nicht weiter stören wenn sie den Colle spielen, ein unterschätztes Eröffnungssystem ist gleich noch mal so stark. In diesem Buch stellt der Autor also den Aufbau mit c3,d4, und e3 vor, also den reinen Colle, das Zukertort-System mit b3 kommt leider nicht vor. Behandelt werden alle schwarze Aufbauten mit c5 und Sc6/Sbd7 und sämtliche Erwiderungen die auf 3…e6 beruhen. IM Palliser beschäftigt sich dann im zweiten Teil des Buches mit typischen Anti-Colle Aufbauten. In insgesamt 31 sehr gut kommentierten Partien unterstreicht der Autor die Gefährlichkeit dieses Systems und gibt so manchen wertvollen Ratschlag.

Fazit: Wer bereits ein Buch oder eine CD über diese Eröffnung besitzt, kann auf das Buch auch verzichten. Wer aber neu mit der Materie ist und einen guten Einstieg in das System sucht, ist mit einem Kauf sicherlich nicht schlecht beraten!

Ich danke der Firma Schach Niggemann , die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.


Martin Rieger, Juni 2007