Milan Vidmar

Goldene Schachzeiten
vidmar.jpg Sprache: Deutsch
Verlag: Beyer
ISBN: 3-88805-237-8
ISBN2: 978-3-88805-237-8
264 Seiten, 56 Diagramme, kartoniert, Reprint, 2. Auflage 2006.
Erhältlich beim Beyer-Verlag
"Wo sind meine Gefährten jener herrlichen Zeit der Schachgeschichte: Capablanca, Aljechin, Reti, Nimzowitsch, Bogoljubow, Spielmann, Tartakower, Lasker, Tarrasch, Tschigorin, Schlechter, Pillsbury, Janowski, Maroczy?"

Als letzter Berichterstatter dieser verloren gegangenen Epoche stellt er die bange Frage, ob ihm denn die heutige Schachwelt überhaupt zuhören wolle. Jeder halbwegs interessierte Repräsentant dieser Schachwelt muß ihm einfach zuhören, denn in seinen wunderbaren Schilderungen werden Protagonisten jener Zeit tatsächlich wieder lebendig.

Zum Autor: Milan Vidmar (* 22. Juni 1885 in Ljubljana; † 9. Oktober 1962) war nicht nur ein slowenischer Ingenieur der Elektrotechnik (Vidmar war Professor für Transformatorentechnik an der Universität Laibach. Nach ihm ist auch das Milan-Vidmar-Forschungsinstitut für Stromenergie (EIMV) benannt, ein führendes slowenisches technisches Forschungsinstitut auf dem Gebiet der Stromversorgungsnetze und Energiewirtschaft. Es befasst sich mit dem wirtschaftlichen und technologischen Aspekt der Stromerzeugung, -leitung und -versorgung.) sondern auch ein berühmter Schach-Großmeister. Obwohl er das Schachspiel nur als Amateur betrieb, zählte er zeitweise zur erweiterten Weltspitze und belegte beim Qualifikationsturnier für die Schachweltmeisterschaft in New York 1927 den vierten Platz.1936/37 siegte er in der ersten inoffiziellen Fernschach-Europameisterschaft. Er veröffentlichte 1961 seine Memoiren unter dem Titel Goldene Schachzeiten. Diese Memoiren hat nun der Beyer-Verlag noch einmal herausgebracht.

Zum Inhalt: Vidmars Schachlaufbahn war reich an Ereignissen und so wundert es nicht, dass er in seinem Buch allerhand zu berichten weiß. Sein erstes internationales Turnier war der 15. Kongress des Deutschen Schachbundes in Nürnberg 1906. Bereits 1908, mit erst 23 Jahren, wurde er in Prag dritter knapp hinter Schlechter und Duras aber vor Rubinstein und vielen anderen großen Meistern. Beim Superturnier in San Sebastian 1911 siegte Capablanca (Video von Moskau 1925) und wurde mit einem Schlag weltberühmt. Vidmar lag gemeinsam mit Rubinstein nur einen halben Punkt dahinter. Im Teilnehmerfeld waren u. a. Marshall, Schlechter, Tarrasch, Maroczy und Janowski. In London 1922 war er dritter hinter Capablanca und Aljechin. Beim für die Weltmeisterschaft wichtigen Turnier New York 1927 war er Vierter hinter Capablanca, Aljechin und Nimzowitsch, vor Spielmann und Marshall. In Nottingham 1936 (Fünf-Weltmeister-Turnier: Lasker, Capablanca, Aljechin, Euwe, Botwinnik) und 1946 in Groningen (Botwinnik, Euwe und Smyslow) war Vidmar dabei. Als 1948 in einem langen Rundenturnier die Weltmeisterschaft ausgespielt wurde, war er Schiedsrichter und kürte am Ende Botwinnik zum Weltmeister.

In der ersten Episode über das Turnier in Nottingham 1936 heißt es:

"Ich bin in diesen meinen Erinnerungsbildern ein wenig vom Weg abgewichen, und Aljechin steht immer noch in Nottingham, ein abgegriffenes Buch in der Hand, vor mir, vor uns, die wir etwas Interessantes erfahren sollten. Dass es eine Partie sein wird, war uns klar. Wir erwarteten eine Eröffnung, wie sie damals immer noch üblich war und niemand von uns dachte eigentlich an solche Eröffnungssprünge, wie sie Nimzowitsch erfand und vorführte. Wir sollten sehr bald enttäuscht bzw. überrascht werden. Aljechin, in der Pose eines hohen Priesters, fing an:
1.c2-c4 "Einen Augenblick", riefen wir fast einstimmig, "wer ist Weiß und wer ist Schwarz?" "Das werden Sie schon erfahren", sagte Aljechin. "Führen Sie nur schön die Züge aus." Wir ließen uns beschwichtigen und schauten zu.
Wir sahen die noch folgenden Züge bis zum 9. Zugpaar: 1. ... e7-e6 2. e2-e3 Sg8-f6 3. Sg1-f3 d7-d5 4. d2-d4 Lf8-e7 5. Sb1-c3 0-0 6. Lf1-d3 b7-b6 7. c4xd5 e6xd5 8. Sf3-e5 Lc8-b7 9. 0-0 c7-c5 "'Donnerwetter', sagte ich mir, das ist ja hypermodern' ( ... ) Ich weiß natürlich nicht, wie es Aljechins Zuschauern erging, aber ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass mir eine erstklassige Partie vorgeführt wird, die von beiden Seiten - wenigstens bis zum 30. Zug - auffallend sauber gespielt wurde. Selbstverständlich sah ich, dass Schwarz planmäßig einen mächtigen Angriff ins Rollen brachte, sah aber auch, dass Weiß auf dem Königsflügel Angriffsunternehmungen in Szene zu setzen verstand. Es war und ist auch heute, wenn ich diese Züge nachspiele, für mich ein erlesener Genuss zu beobachten, wie die Kampfwaage sich auf und ab bewegt und den Königsflügel gegen den Damenflügel in Geltung zu bringen versucht. 10.Lc1-d2 Sb8-c6 11.Se5xc6 Lb7xc6 12.Ta1-c1 c5-c4 13.Ld3-b1 b6-b5 14.Sc3-e2 b5-b4 15.Se2-g3 a7-a5 16.Tf1-e1 a5-a4 17.Sg3-f5 a4-a3 18.e3-e4 a3xb2 19.Tc1-c2 Lc6-a4 20.e4-e5 Sf6-e8 21.Dd1-g4 La4xc2 22.Lb1xc2 Ta8-a6 23.Sf5-h6+ Ta6xh6 24.Ld2xh6 Dd8-a5 25.Te1-f1 Da5xa2 26.Dg4-f5 g7-g6 27.Df5-d7 b4-b3 28.Dd7xe7 Se8-g7 29.Lc2-b1 c4-c3 "Nun sagen Sie aber doch endlich, Aljechin, wer das gespielt hat?" schrien wir, als er beim 29. Zuge angelangt war. Aljechin hatte ein feines Lächeln aufgesetzt. Auch eine Kunstpause hatte er eingeschoben, aber schließlich sagte er mit seltsamer Betonung: "Das, meine Herren, was Sie eben vorgeführt bekamen, ist der Anfang der Partie zwischen J. Mason und I. H. Zukertort aus dem berühmten großen Turnier, das im Jahr 1883 in London gespielt wurde, und Zuckertort einen unerhörten Erfolg, natürlich mit dem ersten Preis gekrönt, einbrachte." "Das, was ich in der Hand habe, dieses abgegriffene Buch", fuhr er fort, "ist das Turnierbuch aus dem Jahr 1883. Es sind noch einige Exemplare zu haben. Es ist eine Fundgrube großartiger Partien, es enthält allerdings auch einige recht minderwertige Spiele. Sie sehen, meine Herren, dass wir im Unrecht sind, wenn wir heute, im Jahr 1936, von oben herab auf die Zeit zurückschauen, die ein halbes Jahrhundert zurück in der Vergangenheit liegt."

In diesem Stil führt Vidmar dem Leser 30 ausgewählte Partien vor und entführt ihn in eine Schachwelt, in der anscheinend noch vieles in Ordnung war. Manchmal schwingt auch etwas Melancholie in den Erzählungen und Aussagen Vidmars mit, so zum Beispiel im letzten Kapitel mit dem Titel „Ist das heutige hohe Schach krank?“ Darin geht es um Bedenkzeitverkürzungen, Sekundanten und psychologische Mäzchen während einer Partie. Als Beispiel dient Vidmar hier das Kandidatenturnier 1959 in Jugoslawien (Tal gewann den ersten Preis und qualifizierte sich für das Weltmeistermatch mit Botwinnik).

Einer der Teilnehmer, Großmeister Pal Benkö, wird mit folgenden Worten zitiert (Auszugsweise):
„Es ist möglich, dass mich jemand aus vollem Herzen auslachen wird, wenn er meine nachfolgende Erklärung lesen wird: Bei meiner Ankunft in Bled hatte ich den festen Glauben, dass ich den ersten Preis erobern würde. Lächerlich? Wie ich nur so etwas mir in der Gesellschaft eines Smyslow, Tal und Keres denken konnte? Nun, ich dachte so bis zur fünften runde. Dann aber zerrannen meine schönen Träume. Bis zu meiner Begegnung mit Tal (Video) in der siebenten Runde war ich noch überzeugt, ich hätte es nur nötig, alle Kräfte einzusetzen, um mir den zweiten Platz nicht entgehen zu lassen. Aber Tal zog mir noch den letzten Schleier von meinen Augen weg“.

Und weiter: „Ich kann jetzt bereits ganz nüchtern eine Schlussabrechnung über mich und das Turnier, sowie über die übrigen Teilnehmer aufstellen. Zweifellos ist dieses Turnier für mich zu stark, und ich verstehe jetzt, dass die Schachgroßmeister, die mich umgeben, nicht mehr Schachspieler, sondern Roboter sind. Sie bereiten sich zehn, zwanzig Stunden auf jede Turnierbegegnung vor. Ganze Stäbe von Sekundanten, Freunden und Analytikern helfen einem einzigen Menschen, damit es ihm gelingt, in einer einzigen Partie zu siegen. Ich wiederhole: Das ist kein Schach!“ Benkö war natürlich in erster Linie von sich selbst enttäuscht, wer wollte es ihm auch verdenken?

Trotz allem wird man beim Lesen der Zeilen nachdenklich und zieht unwillkürlich Parallelen in unsere heutige Zeit. Auch andere Thesen und Meinungen Vidmars in dem Buch werden den Leser zum Nachdenken bringen!

Fazit: Goldene Schachzeiten – Erinnerungen an eine längst vergangene Epoche des Schachs, äußerst lesenswert und trotz des Alters des Buches teilweise noch brandaktuell. Milan Vidmar ist ein großartiger Geschichtenerzähler der seinen Leser hervorragend unterhält und ihn durch eine wundersame Reise durch große Turniersäle und kleine Schachcafes begleitet. Absolut empfehlenswert.

Martin Rieger, Juni 2007