Interview mit Matthias Kribben, stellvertretender Präsident des Deutschen Schachbundes.  
Sehr geehrter Herr Kribben, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrer neuen Funktion als stellvertretender Präsident des Deutschen Schachbundes (bisher nur Berliner Schach-Präsident).

Danke für die Glückwünsche - ich werde alles daran setzen, dieses verantwortungsvolle Ehrenamt parallel zu meiner Familie, Firma und Fernschach-Karriere optimal auszufüllen. Meine Tätigkeits-Schwerpunkte werden Öffentlichkeitsarbeit, Bundesliga, Koordination der Geschäftsstelle, Finanzen und in den nächsten 17 Monaten die Schach-Olympiade sein.

Wie laufen die Vorbereitungen zur kommenden Schacholympiade in Dresden und welche Hoffnungen setzt man in die Deutsche Nationalmannschaft?

Weitgehend unbekannt in der Schach-Öffentlichkeit ist die Tatsache, dass die Stadt Dresden Ausrichter der Olympiade und der Deutsche Schachbund "lediglich" für die Rahmen-Veranstaltungen zuständig ist. Natürlich unterstützen wir die Stadt Dresden mit unserem knowhow nach Kräften. Die größte Rahmenveranstaltung wird der "Deutschland-Cup Schacholmypiade 2008" sein, für den sich in den einzelnen DWZ-Wertungsgruppen knapp 1000 Spieler aus allen Landesverbänden qualifizieren können und die dann im Rahmen der Olympiade ihre Meister ausspielen - und das im gleichen Raum und an den gleichen Brettern, an denen nachmittags die Großmeister und Super-Großmeister um die olympischen Medaillen kämpfen! Die Erwartungen an unsere Nationalmannschaft darf man nicht in den Himmel schrauben. Wir haben bei den Männern mit Arkadi Naiditsch nur einen Spieler unter den Top 100 der Welt, so dass wir uns realistisch bei Männern und Frauen im Bereich der Plätze 10-20 bewegen könnten. Ein einstelliger Tabellenplatz wäre natürlich ein Traum und vielleicht beflügelt der Heimvorteil zusätzlich.

Was erwarten sie persönlich von der Schacholympiade?

Wir wollen zum einen gute Gastgeber sein und es werden unwillkürlich Erinnerungen an das Fußball-Sommermärchen im letzten Jahr wach. Zum anderen wird es einen großen Schach-Boom geben, wenn die gesamte Schachwelt zu Gast bei Freunden ist. Und dies sollte uns dabei helfen, den Schachsport wieder stärker in den Bereich der Schulen zu verankern, denn von dort kommt praktisch unser gesamter Nachwuchs.

Wie kann Schach in Deutschland populärer werden und wie sehen diesbezüglich mögliche Pläne von Seiten des Deutschen Schachbundes aus?


Populär ist Schach bereits, 13 Millionen Deutsche spielen regelmäßig! Und dies trotz der zunehmenden Alternativen in Form verschiedenster Gesellschafts- und Internetspiele. Für uns geht es darum, möglichst viele Spieler an das Schach als Sportart heranzuführen und das geht nur über die Schulen, flankiert von einer guten Medienpräsenz.

Viele Schachfreunde bedauerten das Ende der legendären Schachsendungen mit Helmut Pfleger und Vlastimil Hort. Kann der Deutsche Schachbund hier seinen Einfluss nicht geltend machen und vielleicht zur Reaktivierung der beliebten Schachsendungen beitragen?

"Beliebt" ist in diesem Zusammenhang ein relativer Begriff - denn die Beliebtheit bezog sich eher auf ein begrenztes Fachpublikum, das meist bis nach Mitternacht aufbleiben musste. Erfreulicherweise gibt es inzwischen viele Übertragungen im Internet, die gut frequentiert werden. Fernsehtauglich sind diese Formate nicht. Am ehesten zeigen seit Jahren Turniere wie die ChessClassics in Mainz, wie man die Ware Schach gut verkaufen kann: Schnellpartien mit relativ kurzer Bedenkzeit und die Möglichkeit für den Zuschauer, während der Partie die Computer-Bewertung zu verfolgen, um erkennen zu können, wer "in Führung" liegt, denn den "Stand des Spiels" will jeder Sportzuschauer immer wissen. So wird Schach für die Zuschauer attraktiv!

Wie stehen die Chancen, in Deutschland in naher Zukunft eine Schachweltmeisterschaft zu erleben?

Bei einer Schach-Weltmeisterschaft sind nur sehr wenige Spieler beteiligt, während wir mit der Olympiade 2008, gemessen an der Zahl der teilnehmenden Nationen, das weltweit drittgrößte Sport-Ereignis überhaupt veranstalten werden. Die Olympiade wird also eine Weltmeisterschaft in dieser Hinsicht ganz klar in den Schatten stellen. Dennoch muss es Ziel des Deutschen Schachbundes sein, wenn der WM-Zyklus wieder in nachvollziehbaren Bahnen verläuft, auch ein Event wie die Schach-Weltmeisterschaft nach Deutschland zu holen. Letztlich geht dies nur mit entsprechenden Sponsoren, während die gesamte Logistik im Vergleich zur Olympiade wesentlich leichter zu bewältigen ist.

Stichwort Doping im Schach, in letzter Zeit gab es diesbezüglich einige Diskussionen darüber. In Dortmund werden zum Beispiel die laufenden Partien Zeit versetzt ins Internet übertragen um Betrug zu verhindern. Doch wie will man in Open-Turnieren, Bundesligawettkämpfen, etc. verhindern, dass jemand mit seinem Pocketfritz unerlaubte Hilfe zu Rate zieht? Lautet die Lösung in letzter Konsequenz nicht die Verkürzung der Bedenkzeit (z.B. 2x 25 Minuten) oder gibt es andere Alternativen?

Der Begriff Doping gefällt mir nicht im Zusammenhang mit elektronischem Betrug. Doping ist die Zuführung verbotener Substanzen in den Körper des Athleten vor Wettkampf-Beginn. Um uns als Sportart nicht ins Abseits zu stellen, wird es kurzfristig notwendig sein, bei Deutschen Meisterschaften und in der Bundesliga punktuell Doping-Tests durchzuführen. Das Nutzen von unerlaubten Hilfsmitteln während der Partie (Pocket-Fritz o.ä.) ist kein Doping, sondern schlichtweg Betrug und es ist nicht klar, wie viele Betrugsfälle dieser Art es schon gegeben hat. Sicher sind die Betrugsmöglichkeiten bei kürzeren Bedenkzeiten geringer und diese sind auch für die Zuschauer attraktiver. Andererseits nimmt die Qualität der Partien mit jeder Bedenkzeit-Verkürzung leider rapide ab. Dortmund hat gezeigt, dass eine zeitversetzte Übertragung (10 min würden reichen) durchaus zielführend ist.

Noch eine abschließende Frage, angenommen Sie hätten völlig freie Hand das internationale Schach zu reformieren, was würden Sie ändern?


Der Spielbetrieb müsste vollkommen anders organisiert und viel transparenter gestaltet werden. Es geht nicht an, dass immer nur die selben 8-10 Spieler zu vollrundigen Spitzenturnieren eingeladen werden und sich schon der 15. oder 20. der Weltrangliste in Opens verdingen muss. Wir können in vielen anderen Sportarten beobachten, wie ein weltweit gut funktionierendes Wettkampfsystem abgewickelt werden kann. Und natürlich gefällt keinem der Zustand, dass sich derzeit die Weltelite meistens in Elista in der kalmückischen Steppe trifft. Das ist schon ein ziemlicher Anachronismus und im Weltsport wohl einmalig, dass Spielorte gewählt werden, die für Zuschauer praktisch unerreichbar sind!

Herr Kribben, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft!

Das Interview führte Martin Rieger für www.Freechess.info