Rainer Knaak, Karsten Müller
222 Eröffnungsfallen nach 1.e4

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Sprache: Deutsch
Verlag: Olms
ISBN2: 978-3-283-01000-3
163 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2007.
Erhältlich bei Schach Niggemann.

Wer kennt das nicht, kaum hat man ein paar Eröffnungszüge gespielt und schon ist es passiert, die Falle ist zugeschnappt! Ihr Gegner hat sie wieder mal mit einer gemeinen Eröffnungsfalle aufs Kreuz gelegt. Damit sich das in Zukunft nicht wiederholt, haben die beiden Großmeister Rainer Knaak und Karsten Müller die hinterlistigsten und gemeinsten Fallen nach 1.e4 zusammengetragen.

Bei 222 Beispielen für erfolgreiches Fallenspiel ist eigentlich für jeden etwas dabei, oder haben sie etwa noch nie von der sibirischen Falle gehört? 1.e4 c5 2.d4 cxd4 3.c3 dxc3 4.Sxc3 Sc6 5.Sf3 e6 6.Lc4 Dc7 7.0-0 Sf6 Die so genannte sibirische Verteidigung gegen das Morra-Gambit. 8.De2 Sg4 Diese Falle wurde fast 200-mal angebracht (Mega2005). 9.Lb3? [9.h3? Sd4; 9.Td1? Lc5; 9.Sb5! Db8 10.h3 h5÷] 9...Sd4! Schwarz gewinnt die Dame oder setzt Matt!
(siehe Diagramm)

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Mit einem hundsgemeinen Trick wurde sogar schon einmal der Weltranglistenerste Anand hereingelegt: Zapata,A (2480) - Anand,V (2555) [C42] Biel (9), 1988 1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4 5.Sc3 Lf5??
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[besser 5...Sxc3 oder 5...Sf6] 6.De2 1-0 ( De7 7.Sd5 Dd7 8.d3)


Die Eröffnungsfallen sind thematisch nach Eröffnungen geordnet, von Aljechin bis Spanisch ist alles vertreten.

Was mir nicht so gut gefallen hat, war die Tatsache, dass viele hier vorgestellte Eröffnungsfallen erst nach dem zehnten Zug erscheinen, also eher schon Mittelspielfallen darstellen. Mag sein, dass für einen Profispieler noch alle vorgestellten Züge zur Eröffnung zählen, aber der durchschnittliche Vereinsspieler hätte sich sicherlich über viel mehr Eröffnungsfallen in den ersten paar Zügen gefreut. Denn je mehr Züge in der Partie gespielt werden, desto unwahrscheinlicher wird es, dass man in eine der vorgestellten Fallen gerät.

Das in dem Buch von 222 Fallen genau 76 auf die Sizilianischen Verteidigung entfallen, auf Skandinavisch beispielsweise aber nur vier und auf Pirc/Modern gar nur drei, empfinde ich als  negativ.
Ich möchte kurz aus dem Umschlagtext zitieren: „der Lernwillige soll die Fallen in seinen Eröffnungen beherrschen, um Reinfälle zu vermeiden“. Für einen 1.e4 Spieler trifft dies sicherlich zu, für alle anderen leider nicht. Am Beispiel der Pirc Verteidigung möchte ich es kurz erläutern. Es wäre alles so einfach gewesen: Partiensuche in der Megabase, Pircstellung-Gewinn unter 10 Zügen und schon wären es ein paar Partien mehr gewesen zu dem Thema, wie folgende Beispiele zeigen:

Keller,M (2195) - Kammer,T [B07] Regensburg (7), 1997 1.d4 Sf6 2.Sc3 d6 3.e4 g6 4.Lg5 Lg7 5.e5 dxe5 6.dxe5 Dxd1+? [6...Sfd7] 7.Txd1 Sg4 8.h3 Sxe5 9.Sd5 1-0

Pogats,J - Szabo,D [B07] HUN-ch 08th Budapest (10), 1952 1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 b6 4.f4 Lb7 5.Ld3 c5 6.d5 Sa6 7.e5 Sd7 8.e6 fxe6 9.Dh5+ 1-0

Eckert,A - Pauli,H [B07] Eisenberg RLP-ch MTB Eisenberg (3), 18.07.1998 1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 c6 4.Sf3 Da5 5.Ld2 e5 6.dxe5 dxe5 7.Sd5 Dd8 8.Sxf6+ Dxf6 9.Lg5 De6 10.Dd8# 1-0

Aber trotzdem macht es Spaß, die verschiedenen Reinfälle zu betrachten, Schadenfreude ist manchmal doch die schönste Freude. Der Lerneffekt des Buches ist für Anfänger und Fortgeschrittene sicherlich recht hoch, vielleicht tappt der Gegner ja in ihrer nächsten Turnierpartie in eine gut getarnte Falle! Der Leser hingegen kann sich vor solch gemeinen Fallen wappnen, indem er das Buch ausreichend studiert. Die Verarbeitung des Buches ist wie vom Olms-Verlag gewohnt, sehr vorbildlich! Ausführliches Partien- und Personenregister sowie ein übersichtliches Eröffnungsverzeichnis erfreuen das Auge des Rezensenten.

Fazit: Wer sich vor unliebsamen Überraschungen wappnen oder vielleicht selbst zukünftig als Fallenspezialist auf Großwildjagd gehen will, kann hier bedenkenlos zugreifen!



Ich danke der Firma Schach Niggemann , die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, Juli 2007