Christof Wisnewski

Play 1. ...Nc6!
a complete chess opening repertoire for Black

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Sprache: Englisch
Verlag: Everyman
ISBN2: 978-1-85744-522-0
268 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2007.
Erhältlich bei Schach Niggemann
Der deutsche IM Christoph Wisnewski (ELO 2428) hat für den Everyman Verlag sein Erstlingswerk mit dem Titel „play 1…Sc6“ bezeichnet. Als Freund von ausgefallenen und skurrilen Eröffnungen machte ich mich sofort an die Lektüre dieses Buches.

Der Zug 1…Sc6 auf alle möglichen weißen Eröffnungszüge stellt natürlich eine gewisse Provokation für jeden „seriösen“ Schachspieler dar, wobei man sich hier berechtigterweise die Frage stellen muss, ob „seriöses“ Schach wirklich nur aus 1.d4/1.c4 oder 1.e4 besteht. Siegbert Tarrasch, der große deutsche Lehrmeister des Schachs hätte sich bei 1…Sc6 im Grabe herumgedreht, falls es derartig postkinetische Kräfte gäbe, die solche Phänomene des Okkulten auszulösen imstande wären. Doch wir schreiben das Jahr 2007 und damit haben auch solche Züge ihre volle Daseinsberechtigung, vorbei die Zeiten des schachlichen Dogmas! Wie der Titel schon verrät, handelt es sich bei dem Buch also um ein komplettes Schwarzrepertoire mit 1…Sc6.

Eine schöne Partie gegen 1.e4 liefert der Autor höchstpersönlich:
Kraemer,M (2194) - Wisnewski,C (2391) [B00] Kiel op-A 2003
1.e4 Sc6 2.Sf3 Sf6 3.e5 Sg4 4.d4 d6 5.h3 Sh6 6.Sc3 a6 7.Lg5 Lf5 8.g4 Lg6 9.Lg2 Dd7 10.0-0 d5 11.Dd2 e6 12.a3 Sg8 13.b4 f6 14.Lf4 Le4 15.exf6 Sxf6 16.Se5 Sxe5 17.dxe5 Lxg2 18.Kxg2 Sg8 19.Le3 h5 20.f4 0-0-0 21.Ld4 Sh6 22.De2 hxg4 23.hxg4 Le7 24.Th1 Tdf8 25.Taf1 De8 26.Kg3 Dg6 27.Lf2 Kb8 28.Tfg1 Lh4+ 29.Txh4 Sf5+ 30.Kh3 Sxh4 31.Lxh4 Dh7 32.De1 Txf4 33.Th1 Dxc2 0-1

Gegen die gefürchtete Variante 1.d4 d5 2.c4 Sc6 3.Sf3 Lg4 4.Sc3 e6 5.cxd5 exd5 6.Lf4

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(Weiß spielt die Karlsbader Struktur, in der Sc6 deplaziert wirkt. Viele Profis spielen diese Variante die angeblich einen leichten weißen Vorteil verspricht) empfiehlt Wisnewski folgendes: 6…Lxf3 7.gxf3 Ld6 8.Lg3 Sge7 9.e3 und nun nicht Bronznik´s 9…a6 (Die Tschigorin-Verteidigung, 2001) weil der Autor nach eigenen Angaben keine guten Erfahrungen damit gemacht hat. Die Variante endet bei Bronznik mit 9…a6 10.Dc2 h5 11.0-0-0 h4 „unklar“. Eigene Partien des Autors zeigten ein etwas anderes Bild (Schwarz hatte einige Probleme).
Deshalb schlägt er statt 9…a6 den Zug 9….0-0!? vor, wie in nachfolgender Partie gespielt: Schoebel,W (2230) - Vidoniak,R (2410) [D07] Passau, 1997 1.d4 d5 2.c4 Sc6 3.Sf3 Lg4 4.Sc3 Lxf3 5.gxf3 e6 6.cxd5 exd5 7.Lf4 Ld6 8.Lg3 Sge7 9.e3 0-0!? 10.Ld3 f5 11.Lxd6 Dxd6 12.f4 a6 13.Tc1 Tae8 14.Df3 Sb8 15.a3 c6 16.Sa4 Sd7 17.0-0 Sf6 18.Sc5 Tb8 19.Tc2 Se4 20.Tfc1 Tf6 21.Lf1 Th6 22.Sd3 g5 23.Dd1 gxf4 24.f3 Tg6+ 25.Kh1 Sf6 26.Sxf4 Tg7 27.Ld3 Sg6 28.Sxg6 hxg6 29.Tg2 Kf7 30.Db3 Th7 31.Kg1 De7 32.e4 fxe4 33.fxe4 Sxe4 34.Txc6 bxc6 35.Dxb8 Th4 36.Lxa6 Sd6 37.Tg3 Sf5 38.Tf3 Tg4+ 39.Kf1 Dg5 40.Dc7+ Kg8 41.Dc8+ Kg7 42.Dd7+ Kh6 43.Th3+ Sh4 44.Te3 Df4+ 45.Ke2 Tg2+ 46.Kd3 Df1+ 47.Kc3 Dc1+ 0-1

Aus eigenen schmerzhaften Erfahrungen weiß der Autor, dass ein +-/-+ oder „unklar“ am Ende einer Variante als Bewertung ziemlich irreführend oder sogar schädlich sein kann. Wisnewski erklärt seinem Leser mit Worten, wie er eine entstandene Stellung einschätzt und gibt Hinweise für das weitere Spiel.

Ich hoffe, der Autor bleibt seinem Stil auch in zukünftigen Büchern treu, die Art der Kommentierung und Bewertung der Varianten und Partien möchte ich hier als sehr vorbildhaft bezeichnen! Insgesamt 77 Partien zum Thema 1…Sc6 hat der Autor sorgfältig ausgewählt und kommentiert, eingebunden in einem wohl durchdachten Schwarzrepertoire das jeden Weißspieler ins Schwitzen bringt. Der theoretische Teil ist auf dem neuesten und aktuellsten Stand, davon zeugt unter anderem die umfangreiche Bibliographie die der Autor zum Vergleich herangezogen hat. Ein aufgeräumtes Variantenverzeichnis sowie ein umfangreiches Partienverzeichnis (alphabetisch sortiert einmal nach Weiß- und einmal nach Schwarzspielern!) verstärken den positiven Eindruck.

Fazit: IM Christoph Wisnewski hat mit seinem Debüt-Werk „play 1…Sc6“ sofort ins Schwarze getroffen. Hervorragende Analysen und vorbildhafte Kommentierung machen das Buch zum derzeitig aktuellsten Referenzwerk über Tschigorins 1…Sc6. Absolut zu empfehlen!

Ich danke der Firma Schach Niggemann , die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, Juli 2007