Jeroen Bosch
Schach ohne Scheuklappen 7

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Sprache: Deutsch
Verlag: New in Chess
ISBN: 90-5691
143 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2007
Erhältlich bei Schach Niggemann


Jeroen Bosch und sein äußerst kreatives Redaktionsteam gehen mittlerweile in die siebte Runde mit ihrem „Schach ohne Scheuklappen“ kurz „SOS“ genannt.
In jedem der Bände werden zahlreiche äußerst kreative und ungewöhnliche Eröffnungssysteme vorgestellt und analysiert. Meist setzt die „SOS“ Theorie vor dem sechsten Zug ein und enthält gut spielbare Eröffnungsideen die den Gegner an seiner schwächsten Stelle treffen sollen, den seltenen Nebenvarianten die oft unterschätzt oder gar nicht gewürdigt werden.

Ein solches typisches „SOS“ System ist das Shirov-Gambit gegen Philidor

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(1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 e5 4.Sf3 Sbd7 5.g4!?) Dazu schreibt der Autor dieses Kapitels, Friso Nijbor: „Meiner Meinung nach steht Weiß in der Hauptvariante der Philidorverteidigung nach 1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 e5 4.Sf3 Sbd7 5.Lc4 Le7 6.0-0 0-0 7.Te1 c6 8.a4 a5 etwas besser. Allerdings ist es nicht so leicht, etwas aus diesem Vorteil zu machen, wenn man gegen jemanden spielt, der Erfahrung in der Verteidigung solcher geschlossener Stellungen hat. Das gleiche gilt für das etwas bessere Endspiel nach 4.dxe5. Als Shirov 2003 gegen Asmaiparaschwili 5.g4 spielte, schaute die Schachwelt verblüfft zu. Die Tatsache, dass Shirov diese Variante in etlichen Partien wiederholt hat, zeigt, dass die Idee ernst genommen werden sollte und alles andere als eine Neuerung für nur eine Partie ist“.

Eine Beispielpartie soll verdeutlichen, wie gefährlich der Zug 5.g4 für einen unvorbereiteten Spieler sein kann:
Shirov,A (2709) - Klinova,M (2353) [C41] Gibraltar Masters Gibraltar (7), 30.01.2006 1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 e5 4.Sf3 Sbd7 5.g4 Sxg4 6.Tg1 Sgf6 7.Lc4 h6 8.Le3 c6 9.dxe5 dxe5 10.Dd3 Dc7 11.Lxf7+ Kxf7 12.Dc4+ Ke7 13.Sh4 Sb6 14.Sg6+ Ke8 15.Lxb6 axb6 16.Sxh8 g5 17.Sg6 Lc5 18.0-0-0 1-0

Ein anderes Kapitel beschäftigt sich mit einer kleinen bösen Gemeinheit gegen Französisch, dem Gledhill-Angriff: 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.e5 Sfd7 5.Dg4

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Jean Oliver Leconte und der Französisch-Experte GM Igor Glek hauchen dem veralteten Gledhill-Angriff mit Hilfe von ein paar primitiven taktischen Tricks (Anmerkung der Redaktion) und einer Neuerung im sechsten Zug neues Leben ein. Durch die Zugfolge 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.e5 Sfd7 5.Dg4 c5 und jetzt 6.dxc5! (Neuerung) soll der französische Aufbau gehörig ins Wanken gebracht werden. Ob das gelingt, will ich hier nicht verraten, nur so viel, Schwarz balanciert auf einem dünnen Seil!

Weitere Kapitel beschäftigen sich mit der Frage, ob man das Damengambit vielleicht „wirklich“ annehmen sollte (Glenn Flear, 1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.e3 Le6!?), der „Jagd auf den Trompowsky-Läufer“ (Jeroen Bosch, 1.d4 d5 2.Lg5 f6), Randspringer gegen Bird (Dimitri Reinderman, 1.f4 Sh6) und Karpovs Ex-Trainer Michaltschschin schlägt vor, Caro-Kann im Stile Buhuti Gurgenidse zu behandeln (1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sc3 b5!?).

Frisch, frech und unbekümmert kommt dieses Büchlein daher und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die offizielle Schachtheorie zu entkalken. Insgesamt 17 Kapitel voller außergewöhnlicher Eröffnungsideen, vorgestellt und analysiert von Spitzenspielern und Experten. Ich muss mich wirklich wundern, wie es die Redaktion von „SOS“ immer wieder schafft, mit neuen Ideen und überraschenden Systemen ihre Leserschaft zu begeistern. Ich kann nur hoffen, dass diese Kreativität nicht nachlässt, es wäre wirklich ein Jammer! Aber bisher ist davon nichts zu spüren, und das ist gut so. Denn Schach ist zwar nach der Logik ein endliches Spiel auf begrenztem Raum mit festen Regeln, doch wie sagte einmal Michail Tal so treffend, „Du musst Deinen Gegner in einen tiefen dunklen Wald führen wo 2+2=5 ist und wo der Weg, der wieder hinausführt, nur breit genug für einen ist“. Das „SOS“ Logbuch begleitet sie durch diesen dunklen Wald!

Fazit: Mit „SOS“ brauchen sie keine endlosen Varianten zu lernen, es genügt eine Portion Humor und Abenteuerlust um ihren werten Gegner ins Schleudern zu bringen! Absolut empfehlenswert!


Ich danke der Firma Schach Niggemann , die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, August 2007