Garri Kasparow

Meine großen Vorkämpfer 7 - Karpow

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Sprache:Deutsch
Verlag:Olms
ISBN:3-283-00476-X
ISBN2:978-3-283-00476-7
Breite: 17,0 cm
Höhe: 24,0 cm
Gewicht: 1,400 kg
495 Seiten, gebunden, 1. Auflage 2007.
Erhältlich bei Schach Niggemann

Nun also ist Garri Kasparows „My Great Predecessors, Karpow“ im Olms Verlag auch auf Deutsch erschienen. Dieser Band bildet den Abschluss eines Mammutprojektes über sämtliche Schachweltmeister, mit Ausnahme von Kasparow selbst. Kasparow hat aber schon angekündigt, noch einen Band über die WM-Kämpfe Kasparow-Karpow und eventuell eine Biographie über sich selbst zu verfassen.

Kommen wir aber nun zum vorliegenden Band in dem Kasparow ausführlich über Leben und Wirken seines Vorgängers Anatoli Karpow und dessen ersten ewigen Widersacher, Viktor Kortschnoi, schreibt. Das Buch ist mit 495 Seiten ein richtig dicker Wälzer geworden, hiervon entfallen auf Viktor Kortschnoi ca. 200 Seiten, auf Karpow ca.270 Seiten, insgesamt analysiert Kasparow 106 ausgewählte Partien der beiden. Als Beigabe enthält das Buch eine CD-Rom mit allen Partien von Karpow und Kortschnoi (7764 Partien). Ein vorbildhaftes Personen-, Partien- und Eröffnungsregister am Ende des Buches hilft beim schnellen Auffinden von Informationen.

17.Oktober 1978, Baguio City, Philippinen. Der Schachweltmeisterschaftskampf Karpow gegen Kortschnoi geht in die 32.Runde, der Weltmeister ist im Zugzwang. Sein Herausforderer hat sensationell von einem hoffnungslosen 2:5 Rückstand zum 5:5 ausgeglichen. Die Schachwelt erwartet in Kürze einen neuen Weltmeister... Ganz so dramatisch wurde die Partie aber dann doch nicht, scheinbar mühelos bezwingt Karpow seinen Gegner und bleibt Weltmeister... Spätere Analysen zur 32.Partie beschreiben den Sieg als von Karpow „glasklar“ und „mühelos“ vorgetragen, Kortschnoi hatte mit 6...c5 in der Pirc-Verteidigung scheinbar früh den rechten Weg verlassen und Karpow nutze diese Gelegenheit um eine Musterpartie vorzutragen, beinahe wäre man geneigt zu sagen, ab dem sechsten Zug war alles nur noch eine Sache der Technik. Als ich die Analysen Kasparows zu dieser Partie las, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich konnte nicht glauben, dass unsere hochtechnisierte Schachwelt fast 30 Jahre warten musste, um die Wahrheit über eine der wichtigsten Partien der Schachgeschichte zu erfahren! Ich blätterte zahlreiche alte Bücher über den WM-Kampf 78 durch und verglich sie mit den Analysen Kasparows. Und tatsächlich, „...wurde die 32.Partie überraschend oberflächlich und einseitig in der Presse dargestellt. Offenbar gab es eine Beeinflussung durch die große politische Bedeutung ihres Resultats, die außerordentliche nervöse Situation im Match sowie die äußerste Ermüdung aller Teilnehmer dieser Ereignisse, einschließlich der Kommentatoren“ (Kasparow). Ich will den Lesern nicht die Spannung nehmen, als Beispiel sei der 27. schwarze Zug Ta7? Genannt, Schwarz konnte sich mit 27...Ta5! (danach folgt eine längere Analyse Kasparows) sehr wahrscheinlich halten! Dieser Zug wurde bisher nie irgendwo genannt...

Ein anderes höchst bemerkenswertes Kapitel schlägt Kasparow eine Partie vor der 32.Matchpartie auf. Das legendäre Turmendspiel in der 31.Partie gilt als eines der kompliziertesten der Schachgeschichte, alleine Viktor Kortschnoi hatte es in einem Buch ausgiebig (21 Seiten!!) analysiert, Kasparow nimmt es erneut unter die Lupe und kommt zu einem anderen Ergebnis als Kortschnoi einige Jahre zuvor! Höchst lehrreich und unterhaltsam, einer der absoluten Highlights des Buches!

Daneben gibt es aber auch Partien, in denen der Leser nichts Neues erfährt, so zum Beispiel die Partie Karpov-Timman, Montreal 1979 (1-0 im 38.Zug). Laut Kasparow ist diese Partie “eine wahre Hymne auf die Prophylaxe“, auch sonst ist er mit seinem Vorgänger meist überraschend nachsichtig und lobt ihn teilweise sogar, wer hätte das vor ein paar Jahren gedacht? Zur Karpov-Timman Partie hätte ich mir gewünscht, Kasparow würde auch diese Partie, ähnlich der 32.WM Partie in Baguio, entglorifizieren. Oberflächlich lässt sich diese Partie wunderbar kommentieren unter dem Gesichtspunkt der Prophylaxe, doch wer genauer hinsieht, entdeckt einige Merkwürdigkeiten. Der hochgelobte 22.Zug Dc2! wird allgemein als bester Zug der gesamten Partie betrachtet (unter anderem von Kasparow und Dworetzkj), doch wieso geht keiner der Kommentatoren auf 22.Sxc6! ein? Oder wieso wird der Zug 24.Lf2! hervorgehoben aber gleichzeitig spricht keiner über den noch stärkeren Zug 24.g5! (?).

Interessant sind die zahlreichen Annektoden und Zitate der unmittelbar Beteiligten, Trainer, Sekundanten und Freunde. So erfährt der Leser so manches was bisher noch nicht bekannt war, unter anderem erzählen langjährige Wegbegleiter Karpows über Trainingszusammenkünfte und deren genauer Ablauf sowie die Begleitumstände zu den beiden WM-Kämpfen in Baguio 1978 und Meran 1981. So erzählt beispielsweise Alexander Roschal exklusiv für dieses Buch über den Psychologen Suchar: „Kortschnoi hat sich immer durch Argwohn ausgezeichnet, er glaubte an die Parapsychologie und allerlei Mystik. In Baguio hat sich Kortschnoi von Anfang an beschwert, selbst als Suchar noch gar nicht aufgetaucht war:“ Sie haben einen geheimen Psychologen mitgebracht!“ Wahrscheinlich hat er sich an Suchar vom Moskauer Match her erinnert. Kurz gesagt, sobald Kortschnoi erkennen ließ, dass er Hypnose fürchtete, wurde dies sofort ausgenutzt. Wir wussten, dass Suchar kein Hypnotiseur war, aber da es der Gegner wollte, taten wir so. Der Doktor, der von seiner Rolle fasziniert war, hielt sich bald fast für den Haupthelden des Kampfes“.
Und weiter: „Während einer der längeren Auszeiten wurden wir zu einem weiteren Empfang eingeladen und der örtliche Moderator erklärte: “Die Mannschaft Anatoli Karpows ist bei uns zu Gast. Zusammen mit ihm ist anwesend der berühmte…“ Sicherlich wollte er den auf den Philippinen berühmte Tal nennen. Aber plötzlich, ohne ihn aussprechen zu lassen, erhob sich Suchar und verbeugte sich.“

Kasparow unternahm den Versuch, das Leben und Wirken dieser beiden Schachgroßmeister eingehend zu untersuchen und deren Wesensart und ihre besonderen Eigenarten im Spiel zu durchleuchten. Dies gelingt nur teilweise, zu Komplex sind die beiden K´s in ihren Charakteren und in ihrem Spiel. Um einen Karpow oder Kortschnoi und deren Spiel zu verstehen, bedarf es wahrscheinlich mehrere solcher Bände. Trotz allem sind die Erzählungen und Berichte der Geschehnisse rund um Karpow und Kortschnoi äußerst lesenswert und unterhaltsam. Kasparow wäre nicht Kasparow, würde er nicht doch eine kleine Gelegenheit nutzen, um seinen Vorgänger eins auszuwischen: Linares 1994 wurde zum größten Triumph Karpows (11/13), Kasparow stellt die These auf, alle Gegner Karpows hätten jeweils bevor sie gegen Karpow spielen mussten, gegen Kasparow gespielt und waren dementsprechend geschwächt...
Das ist aber der einzige Seitenhieb auf seinen langjährigen Gegner, ansonsten hebt er Karpow schachhistorisch sogar über Bobby Fischer! Kasparow ist der Meinung, Karpow hätte Fischer in einem Match wahrscheinlich bezwungen und belegt dies mit diskussionswürdigen Theorien die bei mir persönlich etwas Magenschmerzen verursachen. Die logische Schlussfolgerung kann sich der Leser selbst zusammenreimen: Fischer ist der Größte, Karpow würde ihn 1975 schlagen und ist folglich noch größer, Kasparow schlägt im Zeitraum1984-1990 Karpow und ist der Größte von allen...

Wie ist dieses Werk einzuschätzen?
Nun, die zahlreichen Erzählungen und Berichte bilden eigentlich nur den Rahmen für den eigentlichen Hauptteil des Buches, die Analysen Kasparows. Diese Analysen zählen für mich zum Besten was es bisher überhaupt im Bereich der Schachliteratur gegeben hat. Kasparow fand in alten wohlbekannten Partien völlig neue Wege und zeigt teilweise den wahren Kern der Partie. Ich habe zum Beispiel schon einige Biographien und kommentierte Partiensammlungen von Karpow und Kortschnoi gelesen aber keine von ihnen hatte diese Tiefe und Genauigkeit von Kasparows Werk. Somit dürfte dieses Buch nicht hoch genug einzuschätzen sein und ich stelle es auf eine Stufe mit Fischers „My 60 Memorable Games“ oder Bronsteins „Sternstunden des Schachs. Zürich 1953“.

Ich danke der Firma Schach Niggemann , die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, Oktober 2007