Veselin Topalov, Zhivko Ginchev
Topalov – Kramnik
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Sprache: Englisch
Verlag: Russel
ISBN2: 978-1-888690-39-2
220 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2007.
Erhältlich bei Schach Niggemann



Elista, 2006, irgendwann im September…

In der fernen kalmückischen Steppe streiten sich zwei erwachsene Männer darum, ob es angebracht oder gar verdächtig ist, mehr als einmal innerhalb von mehreren Stunden das stille Örtchen aufzusuchen. Es werden Pressekonferenzen hüben wie drüben abgehalten und immer mehr scheint das bizarre Treiben dort ein gelungener Coup eines Toilettenpapierherstellers zu sein. Man wartet förmlich darauf, dass zur nächsten Partie einer der Spieler mit einem Toilettenpapierdeluxelogo auf dem Jackett erscheint. Um welche Sportart es sich hier handelt? Natürlich um Schach, das altehrwürdige weise und edle Spiel der Könige…

Die beiden Autoren Veselin Topalov und Zhivko Ginchev lassen sämtliche Ereignisse von damals noch einmal Revue passieren und präsentieren mit ihrem Buch eigentlich das erste WM-Buch zu diesem Match. Auf der einen Seite Weltmeister Topalov, auf der anderen Seite Wladimir Kramnik. Beide trafen sich 2006 in Elista um den einzig würdigen Weltmeister unter sich auszumachen. Alle Partien werden in dem Buch vorgestellt und von Topalov höchstpersönlich analysiert. So weit so gut, kann man ja eigentlich nicht viel verkehrt machen, dachte ich mir und begann sogleich mit der Lektüre des Buches…

Ich begann zu lesen und zu lesen und zu….Stopp!

Ich dachte es geht hier um die Schach-WM 2006 und spannende Partien zweier Supergroßmeister?

Meine Anfangs noch durchaus gezügelte Ungeduld wurde so ab Seite 30 ernsthaft in Frage gestellt. Altbekanntes wurde aufgewärmt und zum 500.Male wieder vorgekaut, langsam wurde ich immer müder und wollte nur noch schlafen.
Ein starker Espresso zwang mich zum weiter lesen und so kämpfte ich mich Seite um Seite weiter vor, in der Hoffnung, vielleicht doch noch einmal irgendwo ein Diagramm oder gar eine Partie zu erblicken. Zwischendurch hatten sich zwar ein paar Bilder in das Buch verirrt die seltsame Untertitel trugen, zum Beispiel „Topalovs Villa“ oder „auch „Kramniks Villa“ und auf denen große Häuser zu sehen waren aber irgendwie ließ das noch kein rechtes Schachfieber in mir entbrennen.

Apropos Fieber, beim Anblick der gerade angesprochenen Bilder dachte ich im ersten Augenblick an einen Sehfehler meinerseits und wollte schon einen Termin beim Augenarzt vereinbaren als mir auffiel, dass ich alles andere normal sehen konnte. Vielleicht hatte ich Fieber und sah nur ab und zu verschwommen oder kleine Vierecke und Längsstreifen, als aber meine jüngste Tochter (5) eines der Bilder erblickte, fragte sie mich erstaunt: “Wow, cool, ist das so was wie das magische Auge?“ Kopfschüttelnd verneinte ich und murmelte etwas wie: „Nein, kein magisches Auge, das ist nur ein Schachbuch mit Bildern von großen Häusern in denen die beteiligten Spieler wohnen“. Auf die Frage: „Wen interessiert denn in welchen Häusern die leben?“ wusste ich keine Antwort und schickte sie in ihr Kinderzimmer mit der Aufforderung, sie solle mich doch bitte jetzt endlich mal in Ruhe diese Rezension schreiben lassen.

Nun ja, als ich Seite 53 erklommen hatte, traute ich meinen Augen wieder nicht! Tatsächlich eine Partie und gleich die erste des Wettkampfes, das ging aber dann doch flott nachdem ich schon mit dem schlimmsten gerechnet hatte. Ich muss den Autoren dieses Buches an dieser Stelle ein großes Kompliment machen! Wie sie es fertig gebracht haben auf 220 Seiten sämtliche Partien des Weltmeisterschaftskampfes 2006 zwischen Topalov und Kramnik unterzubringen grenzt eigentlich schon fast an ein Wunder.
Wieso fragen sie sich?
Das ganze Buch ist randvoll mit Geschichten, Erklärungen, kopierten Schriftstücken und Gegenbeweisen dass man sich eher in einem John Grisham Roman wähnt als in einem Schachbuch. Ich will hier gar nicht auf Themen wie den Toilettenkrieg oder ähnliches eingehen, weil ich es erstens peinlich und zweitens vollkommen überflüssig finde, so etwas in einem Buch über eine Schachweltmeisterschaft erwähnen zu müssen, da waren Karpov und Kortchnoi in Baguio 1978 ja die reinsten Musterknaben und stritten sich „nur“ um die Farbe des dargebotenen Joghurts.

Aber zurück zum Buch. Die analysierten Partien sind anfangs recht gut kommentiert aber auch hier muss ich, so Leid es mir tut, etwas meckern. Mit fortwährender Dauer werden die Kommentare und Analysen immer liebloser, so zumindest mein persönlicher Eindruck. Wichtiger war den beiden Autoren anscheinend, die ganz persönliche Sicht der Dinge aus Topalovs Perspektive aufzuzeigen. Aber mal ganz ehrlich, wen interessiert schon, zu welchen Uhrzeiten jemand auf die Toilette gegangen ist wie auf Seite 97 ausführlich dokumentiert: 15.54-Kramnik plays move 15. 15.55- Goes into the bathroom. 15.56- Goes out of the bathroom. 15.57- Goes into the bathroom. 15.59- Goes out of the bathroom usw.
Das hat nichts mit Schach oder mit normalem Journalismus zu tun sondern ist einfach nur peinlich, egal welche Verdächtigungen es auch gab und noch gibt.
Was soll ich sagen?
Wer Verschwörungstheorien liebt oder Verdächtigungen ohne handfeste Beweise mag, bitte sehr. Ansonsten sind für den normalen Schachfreund die Analysen von Topalov von einem gewissen Interesse, man sollte aber nicht zu viel erwarten.

Ich danke der Firma Schach Niggemann , die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, Oktober 2007