Sverre Johnsen, Vlatko Kovacevic

Gewinnen mit dem Londoner System

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Sprache: Deutsch
Verlag: Gambit
ISBN: 1-904600-79-4
ISBN2: 978-1-904600-79-4
207 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2008.
Erhältlich bei Schach Niggemann

„Gewinnen mit dem Londoner System“ lautet der Titel des vorliegenden Buches, GM Kovacevic und Co-Autor Sverre Johnson zeichnen dafür verantwortlich. Worum geht es beim „Londoner System“? In erster Linie darum, dass sich Weiß eigentlich immer nach dem gleichen Muster aufbaut, das Entwicklungsschema sieht folgendermaßen aus: 1.d4,2.Lf4,3.Sf3,4.e3,5.c3 – wobei man mit der Zugfolge variieren kann, bzw. das in der Praxis auch tut.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Ein kleines schlagkräftiges Weißrepertoire gegen fast alle möglichen schwarzen Antworten. Was mir beim Lesen des Buches sofort positiv aufgefallen ist, war die offene und ehrliche Art beider Autoren. Beide versprechen keine weiße Wunderwaffe sondern führen dem Leser Vor- und Nachteile des Eröffnungssystems klar vor Augen.

Überhaupt haben sich beide Autoren große Mühe gegeben um dem Leser nicht nur mit Varianten zu belasten sondern mit sehr viel erklärenden Worten das grundlegende Verständnis zu vermitteln. Mir persönlich sind Bücher sympathischer, wenn der Autor seine Gedanken und Ideen lieber mit Worten ausdrückt als sich hinter Analysen und Symbolen zu verstecken, beide Autoren haben dies hervorragend in ihrem Buch umgesetzt! Das Buch ist insgesamt in zwei große Bereiche geteilt, ein Partienteil und einen Analyseteil. Im Partienteil werden 30 ausgewählte Partien zum Londoner System vorgestellt und es werden die Grundgedanken und die wesentlichen Ideen und Pläne beider Seiten beleuchtet.

Eine typische Partie zu diesem Eröffnungssystem ist folgende Begegnung, in der ein später nicht ganz unbekannter Spieler seinen renommierten Gegner mit dem Londoner System in Grund und Boden stampft: Kasparov,G - Kengis,E [A48] URS-ch U20 Riga (7), 1977 1.d4 Sf6 2.Sf3 b6 3.Lf4 Lb7 4.e3 c5 5.Sbd2 g6 6.c3 Lg7 7.h3 0-0 8.Le2 Sc6 9.0-0 d6 10.a4 a6 11.Sc4 b5 12.Sa3 b4 13.cxb4 Sxb4 14.dxc5 Sfd5 15.cxd6 Lxb2 16.Lh6 Te8 17.d7 Dxd7 18.Sc4 Lxa1 19.Dxa1 e5 20.Scxe5 De6 21.Sg4 f6 22.Lc4 Tf8 23.e4 1-0

Der zweite Teil des Buches befasst sich mit den verschiedenen Erwiderungen auf den weißen Aufbau und die (vermutlich) beste Reaktion darauf, das Buch soll schließlich als Repertoirevorschlag den Leser eine Menge Arbeit abnehmen, so der Vorsatz beider Autoren. Die Gliederung des Materials ist sehr umfangreich (am Ende des Buches findet der Leser noch einmal eine umfassende komprimierte Gliederung mit Angabe der Seitenzahl), so findet man Spielvorschläge gegen die üblichen Damengambit-Spielweisen, gegen die indischen Eröffnungen (Damenindisch, Altindisch, Grünfeld-, Königsindisch) und gegen den Rest (Holländisch, unregelmäßige Eröffnungen). Sehr positiv empfand ich die konkreten Vorschläge der Autoren zur Gestaltung eines Weißrepertoires mittels des Londoner Systems (eventuelle Zugumstellungen, trickreiche Seitenwege, psychologische Aspekte bei der Auswahl der Varianten).

Ein Leser der englischen und deutschen Ausgabe (vielen Dank an Peter Lauenburg!) hat mich darauf hingewiesen, dass eine mögliche Verbesserung gegenüber der englischen Ausgabe bei der deutschen versäumt wurde. Die Rede ist von der Zugfolge 1.d4 d5 2.Lf4 Sf6 3.e3 c5 4.c3 Lf5, hier werden im Buch zwei Züge vorgeschlagen: entweder 5.Db3 oder 5.Sf3. Auf der Internetseite des Autors Sverre Johnsen (http://sverreschesscorner.blogspot.com/search/label/London%20System) hat selbiger schon im Sommer 2007 darauf hingewiesen, dass es hier eine Verbesserung gibt, nämlich statt 5.Db3 den Zug 5.dxc5! Die angegebene Variante scheint Weiß tatsächlich im Vorteil zu sehen, klar ist das Ganze aber auch noch nicht hundertprozentig, hier fehlt es an praktischen Erfahrungen. Ich weiß nicht, warum der Gambit-Verlag bei der deutschen Ausgabe diese Verbesserung nicht noch mit aufgenommen hat, vielleicht war zu diesem Zeitpunkt das Buch bereits im Druck, eine andere Erklärung erscheint mir nicht logisch. Wie dem auch sei, der Wert des Buches kann meiner Meinung nach dadurch in keinster Weise geschmälert werden.

Co-Autor Sverre Johnson ist, wie vielleicht so manch findiger Leser schnell herausfindet, kein Titelträger, dafür aber ein erfahrener Spieler (ELO 2172), Schachanalytiker, Rechercheur und Autor. Er scheint die Gedanken des Lesers bereits zu ahnen als er im Vorwort darauf hinweist, dass GM Kovacevic keinesfalls nur seinen Nahmen für das Projekt hergab, sondern alle Varianten und Analysen gewissenhaft überprüfte und auf mögliche Verbesserungen hinwies. Wer das Buch bereits gelesen hat, weiß, dass Sverre und Vlatko bei diesem Werk hervorragende Teamarbeit geleistet haben und es sehr selten solche überragende Eröffnungsbücher wie das vorliegende gibt!

Partienverzeichnis, Variantenindex, Layout und das ganze Drumherum sind vorbildhaft und erfreuten das Auge des Rezensenten!

Fazit: Mit diesem Buch wird Ihnen ein komplettes Weißrepertoire dargeboten, mit dem Sie Ihre nächsten Gegner am Schachbrett gehörig ins Schleudern bringen können. Ihr Vorteil liegt darin, dass der Gegner von seinen einstudierten Varianten abweichen muss und vom ersten Zug an gezwungen ist, selbstständig zu denken, während Sie Ihr Londoner System relativ locker aus dem Ärmel schütteln. Ich habe selten solch ein empfehlenswertes Eröffnungsbuch wie dieses gelesen, deshalb absolute Kaufempfehlung!


Ich danke der Firma Schach Niggemann , die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, Januar 2008