Richard Palliser, Glenn Flear, Chris Ward
The Queen’s Gambit

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Sprache: Englisch
Verlag: Everyman
ISBN2: 978-1-85744-546-6
239 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2008.
Erhältlich bei Schach Niggemann

In einem Gourmetrestaurant muss sich der Koch immer wieder aufs Neue etwas Spezielles einfallen lassen um die verwöhnten Gäste regelmäßig ein entzücktes „Bravo!“ zu entlocken. Dabei kommt es aber nicht nur auf das handwerkliche Können sondern auch auf den Einfallsreichtum und die Phantasie des Küchenchefs an. Nun ist Schach und die Kunst des Kochens nur schwer miteinander zu vergleichen aber bei genauerem Hinsehen gibt es doch ein paar auffällige Gemeinsamkeiten. Zum einen entspringen beide Bereiche zum Teil einer künstlerischen Begabung und dem Drang, eigentlich einfach erscheinende Dinge so aufzubereiten, dass auch die kreative, phantasievolle Seite vollends befriedigt wird. Bei dem vorliegenden Buch waren gleich drei, kreativ wie handwerklich begabte Künstler, am Werk, in der Hoffnung, dem geneigten Leser ein möglichst üppiges und zufrieden stellendes Mahl auftischen zu können. Hauptbestandteil des Ganzen ist das Damengamit in all seinen Facetten und Möglichkeiten. Nun mag so mancher Leser zu Recht darauf hinweisen, dass diese Eröffnung eine der ältesten überhaupt ist, wo bleibt hier bitteschön die Kreativität des Maitres? Spätestens beim Betrachten der ersten paar Seiten des Buches erkennt man die tiefere Idee und den unerhörten Einfallsreichtum des Autorentrios Palliser, Flear und Ward, ihres Zeichens IM und GM. Originelle, gefährliche und überraschende Züge im Damengambit werden präsentiert und analysiert für beide Seiten, der Leser wird über so manch vorgeschlagene Variante verblüfft sein und sich fragen, ob im Schach wirklich alles mit rechten Dingen zugeht.

Als Vorspeise wird ein freches vorzeitiges b5 im angenommenen Damengambit präsentiert, garniert mit einem furiosen Angriff, der einem lange im Gedächtnis bleiben wird:
Vallejo Pons,F (2686) - Kasparov,G (2804) [D21] Linares 2005 1.Sf3 d5 2.d4 e6 3.c4 dxc4 4.e4 b5!? Schaut aus wie ein Anfängerzug, doch ein Kasparov wird sich schon etwas dabei gedacht haben. 5.a4 c6 6.axb5 cxb5 7.b3 Lb7 8.bxc4 Lxe4 9.cxb5 Sf6 10.Le2 Le7 11.0-0 0-0 12.Sc3 Lb7 13.Lf4 Lb4 14.Sa4 Sbd7 15.Db3 Sd5 16.Lg5 Le7 17.Ld2 a6 18.b6 Lc6 19.Se5 Sxe5 20.dxe5 Sxb6 21.Sxb6 Dxd2 22.Sxa8 Dxe2 23.Sc7 Dxe5 24.Dg3 Df5 25.Txa6 Le4 26.Ta7 Lc5 27.Ta5 Lxf2+ 28.Dxf2 Dxa5 29.Sxe6 Lxg2 [29...Lxg2 30.Sxf8 Lxf1 31.Sxh7 Ld3!] 0-1

Der Zwischengang besteht aus einem spaßigen Slawisch mit dem originellen Zug 7.Lg5: 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 a6 5.c5 Sbd7 6.Lf4 Sh5 7.Lg5!?, hier wurde schon Ld2 und Le5 getestet, der Textzug führt zu einer gedrückten schwarzen Stellung mit Lähmungserscheinungen. Unsere drei Autoren haben das genauer unter die Lupe genommen und zeigen dem Leser einige Ergebnisse ihrer Bemühungen.

Der Hauptgang kommt auf leisen Sohlen um die Ecke geschlichen nur um kurz darauf wie ein Blitz einzuschlagen. Die Rede ist von 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.Sf3 Le7 und nun die „nette Überraschung“ 5.g4!?. Dies dürfte aber nur Schwarz schwer im Magen liegen, umso mehr, wenn er unvorbereitet ist. Der Zug 5.g4!? führt zu halsbrecherischen Verwicklungen mit leichten Verdauungsproblemen auf Seiten des Schwarzen. Auch hier gibt es wieder eine Menge an Analysen und Varianten, gewürzt mit zahlreichen Anmerkungen der Autoren.

Zum Abschluss wird die Nachspeise gereicht in Form eines Anti-Tarrasch Zuges. Dieser stellt sich folgendermaßen dar: 1.d4 d4 2.c4 e6 3.Sc3 c5 4.cxd5 exd5 5.Sf3 Sc6 6.Lf4!?, dazu hat sich die Küche einen hübschen Rahmen ausgesucht: Radjabov,T (2599) - Grischuk,A (2671) [D32] FIDE Grandprix KO Dubai2002 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 c5 4.cxd5 exd5 5.Sf3 Sc6 6.Lf4 !? Sf6 7.e3 cxd4 8.Sxd4 Ld6 9.Lb5 0-0 10.Sxc6 bxc6 11.Lxc6 Tb8 12.Lxd6 Dxd6 13.Lxd5 Sxd5 14.Dxd5 Dxd5 15.Sxd5 Txb2 16.0-0 Le6 17.Se7+ Kh8 18.a3 Td8 19.Sc6 Tdd2 20.Tad1 g6 21.Txd2 Txd2 22.Ta1 Kg7 23.h4 a6 24.Sd4 a5 25.Tc1 Td3 26.Sxe6+ fxe6 27.Tc7+ Kf6 28.Txh7 Txa3 29.g4 Ta4 30.g5+ Kf5 31.Kg2 Ta1 32.Tf7+ Kg4 33.Tf4+ Kh5 34.Te4 e5 35.Txe5 Kxh4 36.Kf3 a4 37.Kf4 Kh3 38.Te6 Kg2 39.Txg6 Kxf2 40.Ta6 Ke2 41.e4 Kd3 42.Ke5 Kc4 43.g6 Kb3 44.g7 Tg1 45.Kf6 a3 46.Kf7 a2 47.g8D 1-0

Diese eben gezeigten Beispiele waren aber nur eine kleine Auswahl dessen, was der Leser in diesem Buch findet. Viele weitere, erschreckend kreative Eröffnungsideen, warten darauf, von Ihnen entdeckt und in der Praxis getestet zu werden. Das allgemeine Ambiente des Buches ist zufrieden stellend (bis auf das fehlende Partienverzeichnis) und bildet einen würdigen Rahmen für den exzellenten Inhalt.

Fazit: Originelle Ideen im Damengambit werden in lockerer Form dargereicht, garniert mit lehrreichen Partiebeispielen und Analysen, gewürzt mit zahlreichen Kommentaren und Hinweisen. „The Queen’s Gambit” ist Haute Cuisine im besten Sinne, 5 Sterne -Menü der Spitzenklasse!


Ich danke der Firma Schach Niggemann , die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, Februar 2008