Jeroen Bosch

Schach ohne Scheuklappen 8
Band 8

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Sprache: Deutsch
Verlag: New in Chess
ISBN2:978-90-5691-222-2
143 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2008.
Erhältlich bei Schach Niggemann

Der neue SOS Band ist da und schon ertappt man sich bei dem Gedanken, was wohl in der neuesten Ausgabe an originellen und interessanten Eröffnungsideen diesmal angeboten wird. Beinahe wäre man in der Versuchung, zu behaupten, die SOS Reihe hat so manch alteingesessenes Periodikum auf die hinteren Schachbuchränge verdrängt, innerhalb kürzester Zeit mauserte sich der extravagante Eröffnungsratgeber zum Pflichtkauf sehr vieler interessierter Schachspieler. Über mangelnde Kreativität kann man sich bei dem holländischen SOS-Team um „Chef“ Jeroen Bosch bestimmt nicht beklagen, jedes Mal aufs Neue werden manchmal abstruse, manchmal überraschende, aber immer höchst außergewöhnliche und vor allem spielbare Systeme und Varianten präsentiert. Auf den 143 Seiten des Buches analysieren Jeroen Bosch und sein Team (unter anderem Glek, Michaltschischin, Reindermann, Rogozenko) nicht weniger als 16 Eröffnungsideen abseits der „offiziellen“ Theorie. Allein der Blick ins Inhaltsverzeichnis macht neugierig, „Eine Waffe gegen Französisch“, „2.Se2 gegen Caro-Kann“ oder gar die „Stachelschweinvariante“ laden zu einem abenteuerlichen Lesevergnügen ein, bei dem man sehr schnell Zeit und Raum vergisst. Im SOS-Logbuch wird über bereits vorgestellte Ideen berichtet anhand diverser Tests in der Schachpraxis.

Zum Inhalt: Ruben Felgaer analysiert Nigel Shorts Idee 2. Se2 gegen Caro-Kann und kommt zu dem Schluss, dass die gesamte Variante erstens recht giftig und zweitens sehr gut spielbar ist. Dimitri Reinderman packt den Überraschungszug 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cd: 4.Sd4 Sf6 5.Sc3 Tb8 aus und gibt dem Kind auch gleich einen Namen (Meszaros -Variante im Sizilianer). Dieser seltsame Turmzug ist recht trickreich und sollte bei bestem Spiel dem Weißen zwar Vorteil einräumen doch dazu ist genaues Spiel erforderlich. Ein vorbereiteter Spieler hat die Vorteile auf seiner Seite. Jeroen Bosch beschäftigt sich mit der Variante 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.d3 Se7 (SOS gegen Anti-Berlin) und gibt einige wertvolle Erkenntnisse über den Springerzug, der aussieht wie ein Einsteller, preis. Alexander Finkel knüpft sich die Paulsenvariante vor mit 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cd: 4.Sd4 a6 5.Sc3 Dc7 6.Df3!? Damit ist so mancher Überraschungssieg auch gegen stärkere Gegner möglich. Französischexperte Igor Glek bekämpft „seine“ Eröffnung mit 2.f4 und lässt sich dabei in die Karten blicken. Weitere Kapitel beschäftigen sich unter anderem mit „Französischer Prophylaxe“, Kamskys Reserve-Slawen“ und dem „bescheidenen Inder“.

Natürlich kann man bei der Masse an behandelten Themen keine ausführlichen Analysen erwarten, das Buch versteht sich selbst als Ratgeber, der dem Leser die Scheuklappen abnimmt und ihm zeigt, dass es auch links und rechts des Weges Alternativen gibt, die nur darauf warten, getestet zu werden. Wäre ja auch langweilig, wenn man bereits alles fertig serviert bekommen würde, die SOS Varianten sind nur die Ideengeber, am Brett dem nächsten Gegner vorgesetzt, können sie in den Händen des „vorpräparierten“ Lesers eine Eigendynamik entwickeln, die ihren Spielpartner ins Schleudertrauma versetzt.

Ein gutes Beispiel für das gesamte Buch ist folgende Partie. Karpovs Ex-Trainer Michailtschischin bringt in seinem Kapitel gegen Caro-Kann einen Zug in Erinnerung, der von der „Großmutter“ stammt (näheres dazu im Buch!):

Romanishin,O - Petrosian,T Moskau, 1979 (Großmutters 5.Se2 gegen Caro-Kann)

1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sd7 5.Se2 Sgf6 6.S2g3 g6 7.Lc4 Lg7 8.c3 0-0 9.0-0 Sd5 10.Te1 e5 11.Lg5 f6 12.Ld2 exd4 13.cxd4 S7b6 14.Lb3 Kh8 15.Dc1 a5 16.a3 Sc7 17.Sc5 Sbd5 18.Lh6 b6 19.Lxg7+ Kxg7 20.Sd3 Ld7 21.Sf4 Tf7 22.h4 Tc8 23.Dd2 Df8 24.Tac1 Te7 25.Sxd5 Sxd5 26.Lxd5 cxd5 27.Df4 Txe1+ 28.Txe1 Tc6 29.h5 Dd6 30.De3 Tc7 31.De7+ Dxe7 32.Txe7+ Kh6 33.Kh2 a4 34.f4 b5 35.Tf7 f5 36.Te7 Tb7 37.hxg6 Kxg6 38.Se2 Lc8 39.Te8 Tc7 40.Sc3 La6 41.Te6+ 1-0

Fazit: Mit SOS zünden sie den Eröffnungsturbo! Uneingeschränkt zu empfehlen.

Ich danke der Firma Schach Niggemann , die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, Februar 2008