Interview mit Marcus Schmücker (Das London-System)

 

Hallo Marcus, willst Du unseren Lesern vielleicht kurz etwas über Dich erzählen?

Sehr gern - ich bin 33 Jahre alt und spiele für den Verein Königsspringer Iserlohn. Als Trainer bin ich seit 2004 unterwegs. Es macht mir sehr viel Spaß, Menschen Schach beizubringen – egal, ob Anfängern oder Vereinsspielern. Die Höhepunkte meiner bisherigen Turnierlaufbahn bestanden im Sieg der Südwestfalenmeisterschaften 2004 und dem 4.Platz bei der NRW-Meisterschaften. Danach begann meine Trainertätigkeit, und seitdem will meine DWZ nicht mehr so, wie ich es will. Weltmeister wollte ich ohnehin nicht mehr werden, von daher bin mit den Erfolgen als Trainer und Buchautor äußerst zufrieden.


Wie kamst Du auf die Idee, ein Eröffnungsbuch zu schreiben?

Alles fing vor ca. 10 Jahren mit einer Niederlage gegen das London-System an. Ich verstand nicht, was geschehen war und machte mich daran, einen überzeugenden Weg zum Ausgleich oder mehr dagegen zu finden. In den nächsten Jahren kamen ständig weitere Analysen hinzu, sodass ich langsam die verschiedenen Mechanismen des Systems verstand. Als ich dann feststellen musste, dass es kein aktuelles Werk zum London-System gibt, nahm die Idee, ein Buch darüber zu schreiben, Gestalt an.

Vor kurzem erschien erst ein Buch über das Londoner System im englischen Gambit-Verlag, wo siehst Du Vor- bzw. Nachteile gegenüber Deinem Buch?

Als mein Buch zu ca. 80% fertig war, erschien das Werk von GM Kovacevic in englischer Sprache. Ursprünglich war ich etwas enttäuscht über diesen vermeintlich ungünstigen Zeitpunkt. Es stellte sich aber als Glück im Unglück heraus, denn sein Buch verfolgt doch andere Ansätze als meins. Ich stellte fest, dass der Großteil meiner Ideen weiterhin Bestand hatte und somit konnte ich beruhigt mein Werk fertig stellen. Die Vorteile meines Buches sehe ich in der einfachen Handhabung für den Leser sowie in den vielen unverbrauchten Ideen. Ich empfehle z.B. den Aufbau mit 2.Sf3 und erst dann 3.Lf4, GM Kovacevic untersucht beides, wobei sein Schwerpunkt bei 2.Lf4 liegt. Hinzu kommt, dass mein Buch nur Stellungen nach 1.d4 d5 behandelt. Gegen Königsindisch, oder Damenindisch konnte ich selbst nach intensiver Forschung keinen viel versprechenden Weg für einen Kampf um Vorteil finden. Im Einleitungskapitel habe ich auch den Grund dafür genannt und deshalb die Analysen dazu ausgelassen. Wer also das London-System „gegen alles“ anwenden möchte, wird sich zusätzlich noch das Buch von GM Kovacevic zulegen müssen.

Das Buch „London System“ ist Dein Erstlingswerk und ich muss sagen, es ist Dir wirklich sehr gut gelungen. Hattest Du während der Arbeit daran manchmal Zweifel, ob das Buch letztendlich Deinen Vorstellungen entsprechen würde?

Oh ja, das kann man sagen. Ich hatte zwar schon kleinere Artikel mit Word geschrieben, aber noch nie ein ganzes Buch. Neben dem Inhalt kommt dann die Herausforderung des Gestaltens hinzu. Ohne gute Freunde wäre das Projekt nie zu Ende geführt worden, dafür bin ich sehr dankbar.

Du hast das Buch im Eigenverlag veröffentlicht, war die Idee eines Eröffnungsbuches von einem Nicht-Titelträger anderen Verlagen zu riskant oder gab es andere Gründe?

Ich wollte bewusst das Risiko gering halten und zunächst sehen, wie gut das Buch im kleinen Kreis ankommt. Mit einem Erfolg im Rücken ist es dann bedeutend einfacher, Verlage anzusprechen. Für meine nächsten Projekte werde ich dann aber den direkten Weg wählen.

Gibt es schon Ideen und Projekte für ein zukünftiges Buch?

Oh ja, in meinem nächsten Buch wird um ein bestimmtes System in der „Leningrader Variante“ der Holländischen Verteidigung gehen, welches heute kaum gespielt wird und sicherlich eine gute Überraschungswaffe ist. Bis zur Druckreife dürfte aber noch gut 1 Jahr vergehen. Ideen dazu habe ich massenhaft. Mein Problem besteht darin, mich nur auf wenige bestimmte zu konzentrieren. Wenn es aber weiter so gut läuft, wird es auf jeden Fall weitere Bücher von mir geben.

Du bietest auf Deiner Internetseite 123chess.de Schachkurse und Seminare vor Ort und auch Online an, kannst Du uns darüber mehr erzählen?

Nach meiner Trainerausbildung war mein Ziel, für jeden Geldbeutel ein qualitativ hochwertiges Schachtraining anbieten zu können. Ich musste aber feststellen, dass der deutschsprachige Markt für titellose Trainer extrem hart ist. Sehr angenehm ist aber das Onlinetraining, da es ortsunabhängig ist und einem dank der heutigen Technik dennoch fast wie „vor Ort“ vorkommt. Im Herbst dieses Jahres werde ich ein Jugendseminar für Fortgeschrittene leiten. Darauf freue ich mich schon sehr.

Zum Abschluss noch eine Frage, was sind Deine Prognosen für den kommenden WM-Kampf zwischen Anand – Kramnik und dem Abschneiden der Deutschen Mannschaft bei der Schacholympiade(beide Großereignisse finden demnächst in Deutschland statt)?

Vom Schachstil her gefällt mir Kramnik sehr. In ihm sehe ich die Weiterentwicklung des positionellen Stils à la Capablanca, Botwinnik und Karpov. Die Zeit dürfte allerdings reif für Anand sein, daher glaube ich an einen sehr knappen Sieg für Anand. Die Schacholympiade ist natürlich eine einmalige Chance das Thema „Schach“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wenn dann noch die deutsche Mannschaft erfolgreich abschneidet, würde dies sicherlich nicht schaden. Ich halte einen Platz unter den ersten 5 für nicht unrealistisch, vorausgesetzt alles passt.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft!

Das Interview führte Martin Rieger für Freechess.info