New in Chess Yearbook 86

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Sprache: Figurinen / Englisch

Verlag: New in Chess

ISBN2:978-90-5691-236-9

246 Seiten, kartoniert, 2008.

Erhältlich bei Schach Niggemann

 

Welches ist die meist analysierte Variante der Schachtheorie die schon so manchen Eröffnungstheoretiker zur Verzweiflung brachte? Mit größter Wahrscheinlichkeit die so genannte „Bauernraubvariante“ (Poisoned Pawn Variation ) des Najdorfsizilianers (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.Lg5 e6 7.f4 Db6). Unzählige Bücher und Artikel befassten sich mit dieser ultrascharfen Variante die meines Wissens zum ersten Male in der Partie Joppen-Bronstein, Belgrad 1954 das Licht der Welt erblickte. Seitdem wird kontrovers darüber diskutiert, ob der Bauer auf b2 nun vergiftet sei oder nicht. Die Variante hatte ihre Blütezeit in den 70er und 80er Jahren als so bekannte Spieler wie Bobby Fischer, John Nunn oder Garri Kasparov sich ihrer annahmen und mit vielen großartigen Ideen bereicherten. Seitdem ist es etwas ruhiger geworden um diese Variante, viele Abspiele endeten mit einem Remis und auch sonst schien sie „totanalysiert“ zu sein. In neuerer Zeit unternahm eine Gruppe von Großmeistern den Versuch, in den alten Varianten ein neues Feuer zu entfachen, auch oder gerade wegen der sprunghaft angestiegenen Spielstärke von diversen Schachengines, diese werden oft tagelang auf kritische Stellungen angesetzt und finden immer noch so manch überraschende Neuerung. Das Abspiel, dass die Bauernraubvariante zurzeit ernsthaft in ihren Grundmauern erschüttert könnte, wird von Emanuel Berg in der neuesten Ausgabe des New in Chess 86 ausgiebig analysiert und kommentiert. Dabei wird im Speziellen auf die Variante 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.Lg5 e6 7.f4 Db6 8.Dd2 Dxb2 9.Tb1 Da3 10.e5 h6 11.Lh4 dxe5 12.fxe5 Sfd7 13.Se4 Dxa2 14.Td1 Dd5 15.De3 eingegangen, hier wurde bisher 15…Dxe5 getestet, mit gemischten Ergebnissen, Berg analysiert die Neuerung 15…Lc5! und tatsächlich sieht es so aus, als ob Schwarz hier nichts zu befürchten hat. Derjenige, der in dieser Variante besser vorbereitet ist, hat sehr gute Chancen auf den vollen Punkt, zu verwirrend und komplex ist das Variantengestrüpp.

Alexander Finkel unternimmt in seinem Artikel den Versuch, die McCutcheon-Variante der Französischen Verteidigung mit 6.Le3 (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Lb4 5.e5 h6 6.Le3) in ihren Grundfesten zu erschüttern. Als Fazit stellt er fest, dass Weiß in der Variante 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Lb4 5.e5 h6 6.Le3 Se4 7.Dg4 g6 8.a3 Lxc3 9.bxc3 Sxc3 10.Ld3 Sc6 11.h4 Se7 12.h5 g5 mittels 13.Se2 Vorteil erzielen kann. Nach meinen eigenen Analysen (ich spiele McCutcheon seit über 20 Jahren) hat Weiß aber nach 13…Sxe2 14.Dxe2 Sf5!N (bisher wurde hier nur c5 gespielt mit wenig Erfolg für Schwarz) 15.0-0 Ld7 16.Tab1 b6 17.Tfc1 Lc6 18.c4 Sxe3 19.Dxe3 dxc4 20.Lxc4 Lb7 21.Tc3 Dd7 22.Lb5 c6 23.La4 Tc8 nicht mehr als Ausgleich. Die Variante mit 6.Le3 ist aber sicher inhaltsreicher als so manch andere Hauptvariante im McCutcheon und hier dürfte in Zukunft noch einiges geboten sein an Verbesserungen für beide Seiten!

Tibor Fogarasi untersucht die Caro-Kann Variante mit 1.e4 c6 2.d4 d5 3.e5 Lf5 4.Sd2 und präsentiert den gegenwärtigen Stand der Theorie. Dieses System wurde von einigen Angriffsspielern erfunden um die betulichen Caro-Kann Anhänger aus der Reserve zu locken, Neuerungen hüben wie drüben sind an der Tagesordnung und eigentlich weiß niemand so recht, ob Weiß hier Vorteil erzielen kann oder nicht. Fogarasi zum Beispiel stellt den Plan mit 7…Sc8 als aussichtsreichsten für Schwarz vor, dieser Zug wurde in der Begegnung Galkin,A (2608) - Ivanchuk,V (2787), World Cup Khanty-Mansiysk 2007 getestet : 1.e4 c6 2.d4 d5 3.e5 Lf5 4.Sd2 e6 5.Sb3 Sd7 6.Sf3 Se7 7.Le2 Sc8 8.0-0 Le7 9.a4 0-0 10.a5 a6 11.Le3 Sa7 12.Se1 mit späterem Remis. Leider geht er nicht auf die ein paar Monate vorher gespielte Partie Zhigalko,S (2540) - Popov,I (2533) , World's Youth Stars Kirishi 2007 ein, in der 9.Se1 statt 9.a4 folgte und Weiß eigentlich immer gut stand: 1.e4 c6 2.d4 d5 3.e5 Lf5 4.Sd2 e6 5.Sb3 Sd7 6.Sf3 Se7 7.Le2 Sc8 8.0-0 Le7 9.Se1 Lg6 10.Sd3 Scb6 11.c3 Dc7 12.Sf4 und Weiß gewann später auch. Auch hier gibt es noch einiges an Forschungsarbeit zu leisten, man muss einfach noch weitere Partien abwarten um etwas Klarheit zu finden.

Dies waren drei Beispiele, die in dem vorliegenden Band analysiert werden, viele andere unzählige Abspiele warten nur darauf, vom Leser betrachtet zu werden. Wie immer ist die Auswahl der Varianten und Systeme so breit gefächert, dass wirklich für jeden etwas Interessantes dabei ist. Feste Bestandteile der NIC-Reihe dürfen auch diesmal nicht fehlen, als da wären: Sosonkos Corner, Leserbriefe und die Schachbuch-Rezensionen von Glenn Flear.

Fazit: Experten schreiben über die Eröffnungen, die sie am besten kennen. Dabei wird dem Leser immer ein sehr guter Überblick der jeweiligen aktuellen Theorie geboten. Empfehlenswert!

 

Ich danke der Firma Schach Niggemann, die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, März 2008