Timothy Taylor

Gewinnen gegen Königsindisch und Grünfeld

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Sprache: Deutsch

Verlag: Everyman

ISBN2: 978-3-932336-10-2

239 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2008.

Erhältlich bei EuroChess Zentrale (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) 

 

Zum Autor: IM Timothy Taylor ist ein richtiges Multitalent, er hat bereits mehrere sehr erfolgreiche Schachbücher verfasst, unter anderem "How to defeat the Smith-Morra Gambit" (Chess Enterprises) und "Bird's Opening" (Everyman). Daneben ist er Verfasser mehrerer Romane und hat sogar bei einem Spielfilm (Wicked Pursuits, 2003) Regie (!) geführt.

 

Zum Inhalt des Buches:

Taylor präsentiert seinen Lesern jeweils zwei selten gespielte aber durchaus solide Systeme gegen Königsindisch und Grünfeldindisch. Im Vorwort liefert er ein abschreckendes Beispiel dafür, wie ein sehr gut vorbereiteter Königsindischspieler (Kasparov) einen ebenfalls gut vorbereiteten Weißspieler (Gelfand) in einer scheinbar endlosen Theorievariante besiegt. „Was ist daran so schlimm?“ werden Sie vielleicht jetzt denken, eigentlich gar nichts bis auf den Umstand, dass laut Autor „die Mar del Plata Variante im Königsinder die Grenze von gut analysiert überschritten und mittlerweile vollkommen absurd geworden ist“, und weiter: „nur ein Computer oder ein Zwanzigjähriger, der mit einem im Hirn verdrahteten Computer groß geworden ist, kann die beinah endlosen Varianten noch bewältigen“.

Genau aus diesem Grund hat Taylor Systeme „ausgegraben“ die vor sehr langer Zeit selbst solche Größen wie Aljechin erfolgreich angewandt haben. Gegen Königsindisch empfiehlt er die Martz-Variante 1. d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Le2 0-0 6.f4 c5 7.Sf3 cxd4 8.Sxd4 Sc6 9.Le3 und/oder die Liz-Variante 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.f4 0-0 6.Sf3 c5 7.d5 e6 8.Le2 exd5 9.exd5. Beide Systeme sind relativ selten und noch sehr wenig erforscht, hier ist noch sehr viel Raum für eigene neue kreative Ideen gegeben. Dieser Umstand ist umso bemerkenswerter wenn man bedenkt, wie weit die Theorie im Königsinder bereits gewuchert ist. Taylor stellt die Varianten anhand von kommentierten Partien vor, in denen wiederum unzählige Nebenpartien eingepflegt wurden. Darunter leidet zwar etwas die Übersichtlichkeit ist aber nicht weiter schlimm, da der Autor sehr viel zwischen den Zügen schreibt, bzw. erklärt, auf Zugumstellungen hinweist, aus eigenen positiven wie negativen Erfahrungen schildert, kurzum, mit seinen Lesern kommuniziert in einer Sprache, die nicht nur aus +- oder =  besteht.

Doch was taugen die Systeme wirklich gegen Königsindisch?

Ich habe mir alle Varianten angesehen und als eine der kritischsten dürfte folgende Zugreihenfolge gelten: 1.c4 Sf6 2.Sc3 g6 3.e4 d6 4.d4 Lg7 5.Le2 0-0 6.f4 c5 7.Sf3 cxd4 8.Sxd4 Sc6 9.Le3 Lg4 10.Sxc6 Lxe2 11.Sxd8 Lxd1 12.Txd1 Tfxd8 13.Ke2, diese Stellung ist nach 9…Lg4 forciert und beide Seiten haben wenig Möglichkeiten davon abzuweichen. Taylor schreibt hier, dass nun 13…Sg4 die besten Chancen für Schwarz bietet, andere Züge seien schlecht und nicht zu empfehlen. Am Beispiel einer alten Tal-Partie analysiert er hier 13…a6:

 13…a6 14.c5!, Taylor gibt diesen Zug als den einzig richtigen an, dabei verschweigt er aber, dass laut ECO hier 14.Ld4 Sd7 für Weiß nur etwas besser ist und gibt die Variante 14...Tac8 15.cxd6 exd6 16.Kf3 b5 17.a3 Tb8 18.Td2 a5 19.Ld4 b4 20.axb4 axb4 21.Lxf6 Lxf6 22.Sd5 Kg7 23.Ta1± an. Mit einem Blick in die ECO und durch Überprüfung durch Fritz&Co findet man aber schnell heraus, dass bereits in Malich-Tringov/1959, 14...Sg4 15.cxd6 Sxe3 16.Kxe3 Lxc3 17.bxc3 exd6 18.Td4 Tac8 zum Ausgleich führte. Trotzdem führt die Variante zu einer etwas besseren Stellung mittels 13…Sg4 14.Ld4 e5 15.fxe5 dxe5 16.Le3 Sxe3 17.Kxe3 Td4 18.b3 f5 19.exf5 gxf5 20.Sd5, wie von Taylor auch angegeben.

Es würde hier wahrscheinlich zu sehr ausarten wenn ich sämtliche Varianten genauer vorstellen und meine eigenen Gedanken dazu ausbreiten würde, deshalb ein kleines Zwischenfazit zum Königsindischkapitel: Die vorgeschlagenen Systeme sind recht interessant und abseits der gängigen Theoriepfade, also genau das Richtige für Spieler, die keine Lust an endlosem Eröffnungsstudium haben und/oder ihren Gegner gerne auch mal überraschen. Leider haben sich in den Analysen auch einige Ungenauigkeiten geschlichen, offensichtlich hat Taylor seine Varianten nicht von den gängigen Engines prüfen lassen, damit wären solche Sachen wie 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Le2 0-0 6.f4 c5 7.Sf3 cxd4 8.Sxd4 Sa6 9.0-0 Sc5 10.Lf3 Db6 11 .e5? (von Taylor empfohlen) 11...Se6! mit Ausgleich, oder 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Le2 0-0 6.f4 Sa6 7.Sf3 e5 8.fxe5 dxe5 9.Sxe5 c5 10.Le3 Sb4 11.Tc1 Sg4! (dieser Zug wird von Taylor gar nicht erwähnt) 12.Lxg4 cxd4 13.Dxd4 Dxd4 [oder 13...Lxe5 14.Dxd8 Txd8 15.Le2 f5 mit Gegenspiel] 14.Lxd4 Lxg4 ebenfalls mit Gegenspiel oder das Beispiel das ich oben anführte, vermieden worden. Da der Titel „Gewinnen gegen Königsindisch und Grünfeld“ lautet und der Autor seinen Lesern auch verspricht, dass sie damit gewinnen, wurde das selbst gestellte Ziel nicht ganz erreicht, natürlich muss man realistisch sein und erkennen, dass in den meisten Eröffnungen Weiß bei bestem Spiel nur mit einem kleinen Vorteil aus der Eröffnung herauskommt. Der Vorteil der besprochenen Systeme ist auf keinen Fall zu unterschätzen und ich bin mir sicher, dass damit in der Praxis so mancher wertvolle Punkt gemacht werden kann. Trotz einiger kleiner Ungenauigkeiten ist das Buch immer noch besser als so manch vergleichbares Werk, Taylor hat das Risiko nicht gescheut und selten gespielte Varianten analysiert, er hatte relativ wenig Großmeisterpartien zum Vergleich und so hat er sich auch in Bereiche vorgewagt, von denen ein anderer vielleicht die Finger gelassen hätte.

 


 Kommen wir zum Grünfeldindisch-Teil: Hier schlägt der Autor gegen Grünfeldindisch 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.e3 Lg7 5.Db3 und 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Sf3 Lg7 5.e3 0-0 6.cxd5 Sxd5 7.Lc4 vor. In diesem Kapitel gibt es nur eine kleine Ungenauigkeit und zwar in der Zugfolge 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.e3 Lg7 5.Db3 dxc4 6.Lxc4 0-0 7.Sf3 c5 8.dxc5 Sbd7 9.Da3 Dc7 10.b4, hier schreibt Taylor, dass Schwarz um den Ausgleich kämpfen muss doch er erwähnt den gefährlichen Konterversuch 10…Se5 mit keinem Wort. Ansonsten deutlich der stärkere Teil des Buches, aber auch hier sucht man vergeblich nach der ultimativen Waffe gegen ein indisches System (das es auch nie geben wird!).

 

Wer auf der Suche nach einem neuen Weg gegen Königs- und Grünfeldindisch ist, kann sich aus diesem Buch einige wertvolle Anregungen holen, muss aber die besprochenen Varianten kritisch hinterfragen und eigene Analysen dazu anfertigen. Taylors Buch führt den Leser in unbekannte Gefilde in denen man sich nach der Lektüre sicher besser zurecht findet wie der nächste Gegner. Empfehlenswert für alle, denen Königsindisch und Grünfeld schon immer ein Dorn im Auge war. Auch Spieler, die diese Eröffnungen in ihrem Repertoire haben, können sich vor unliebsamen Überraschungen wappnen.

Bewertung: 3 von 5 möglichen Punkten.

Bewertungssystem: 5 = sehr gut 4 = gut 3 = befriedigend 2 = ausreichend 1 = mangelhaft 0 = ungenügend

 

Ich danke der Firma EuroChess Zentrale für das Rezensionsexemplar.

Martin Rieger, April 2008