Jonathan Levitt, David Friedgood

Secrets of Spectacular Chess

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Sprache: Englisch

Verlag: Everyman

ISBN2:978-1-85744-551-0

287 Seiten, 184 Diagramme, kartoniert, 2. Auflage 2008.

Erhältlich bei Schach Niggemann

 

Was bedeutet Schönheit im Schach? Spektakuläre Kombinationen a´la Kasparov, die tief durchdachten Endspielmanöver eines Smyslov oder doch eher die genial-subtilen Mittelspielstrategien eines Karpov? Die Liste ließe sich beliebig erweitern, die Geschmäcker verschieden und so wundert es nicht, dass sich der Begriff „Schönheit im Schach“ einer objektiven Kategorieeinteilung weitgehend entzieht. Alleine auf die Frage nach den schönsten Partien der Schachgeschichte gibt es unzählige Meinungen, ich habe diesbezüglich ein paar Großmeister um ihre persönliche Meinung gebeten, hier ihre Antworten:

- GM Nigel Short: Es gibt zu viele, um sie alle zu nennen,

- GM Robert Fontaine : Byrne –Fischer, New York 1963, - GM Dragan Solak : Die Partien von Rashid Nezhmedinov,

- GM Falko Bindrich: Die heroischen Schlachten zwischen K und K und natürlich auch Fischer, speziell Kasparov-Topalov, Wijk 1999 und Karpov-Hort, Moskau 1971,

- GM Roman Slobodjan: Botwinnik-Capablanca, Holland 1941 und Karpov-Kasparov, Linares 1993,

- GM Vugar Gashimov : Capablanca – Alekhine, 11.WM-Partie 1927 und Kasparov-Topalov, Wijk 1999,

- GM Viktor Moskalenko : Kasparov-Iwantschuk, Linares 1994,

- WGM Katerjna Lahno : Polugajewski – Torre, London 1984,

- GM Prushikin: Korchmar-Poljek Kiev1937, Polugajewski – Nezhmedinov 1958.

Aus den Antworten der Großmeister sieht man, das es zwar gewisse Gemeinsamkeiten bei der Empfindung von Schönheit im Schach gibt, aber trotzdem spielen auch noch andere Dinge eine wichtige Rolle. Welche Kriterien machen aus einer Schachpartie oder einer Studie etwas besonderes, etwas wertvolles? Dieser Frage gehen die beiden Autoren GM Jonathan Lewitt und FM David Friedgood in ihrem Buch “Secrets of Spectacular Chess” nach. Bereits 1995 erschienen, erfährt dieser moderne Klassiker eine Neuauflage wobei das vorhandene Material erweitert und ergänzt wurde.

Zum Inhalt:

Die beiden Autoren legen in diesem Buch erstmals in der Literatur ein Grundschema vor, nach dem Schachpartien auf uns schön wirken: "Paradox", "Tiefe", "Geometrie" und "Spielfluss". Anhand dieser Kriterien wird die gesamte Schachgeschichte „durchstöbert“ nach überraschenden, genialen und manchmal auch bizarr anmutenden Manövern die in der Schachwelt allgemeine Entzückung hervorriefen. Der praktische Wert der ausgewählten Beispiele ist meiner Meinung nach nicht hoch genug einzuschätzen da manchmal gerade der scheinbar „unmögliche“ Zug der allein Richtige ist. Große Endspielexperten wie Karpov, Smyslov und andere haben immer wieder betont, wie wichtig Endspielstudien für das Erlernen des Endspiels sind, gerade hier zeigen sich die absoluten Wahrheiten auf den 64 Feldern. Man erkennt bestimmte Mechanismen und Abläufe auf dem Brett, durch Studien, sofern sie natürlich korrekt sind, offenbart sich der wahre Geist des Schachspiels. Genauso verhält es sich im Mittelspiel, durch weit berechnete Kombinationen und überraschende strategische Züge und Pläne bekommt man ein ungefähres Gefühl dafür, welche Gesetzmäßigkeiten wirklich auf dem Brett mit den 64 Feldern und den 32 Figuren herrschen. DieAutoren haben unzählige wunderbare Beispiele zusammengestellt, angefangen von einfachen Studien über Partiefragmente bis hin zu vollständigen Partien. Interessant ist auch das Kapitel über Schönheit in der Eröffnung, kann es so etwas überhaupt geben? Ist nicht alles bereits irgendwo verzeichnet in dicken Wälzern bis weit über den 20.Zug hinaus? Mitnichten! Hier ein Beispiel, wie eine bizarre Eröffnungsidee auch in einer anderen Variante sehr hilfreich sein kann: 1.d4 g6 2.c4 d6 3.Sf3 Sd7 4.Sc3 e5 5.c5!! Ein überraschender Zug der nicht nur sehr gut sondern auch für den Gegner ziemlich schockierend ist! Sgf6 6.cxd6 Lxd6 7.e4 mit besserem Spiel für Weiß. Diese Idee mit c5 nutzte GM Julian Hodgson in einer Partie gegen Lev Psakhis zu einem schönen Sieg: 1.c4 e5 2.Sc3 Lb4 3.g3 d6 4.Lg2 Lxc3 5.bxc3 f5 6.c5! dxc5 7.La3 Dd6 8.d4 und nach weiteren 20 Zügen gab Schwarz auf.

Ein anderes Beispiel aus dem Buch für die Schönheit einer perfekten Studie, vielleicht die brillianteste Schöpfung eines Studienkomponisten das je das Licht der Welt erblickte: wKd7, wbc7 – sKf3, sLh7, sbb7, Weiß am Zug gewinnt nur mit dem Zug 1.Kc8!!, es lohnt sich wirklich, diese wunderbare Studie in Ruhe zu betrachten und alle möglichen Alternativen zu prüfen, hier spürt man förmlich den Hauch von Schachgöttin Caissa! Einer der Höhepunkte des Buches ist sicherlich die genaue Betrachtung der Partie Kasparov-Topalov, Wiijk 1999. Die Autoren stellen sich die Frage, ob diese Partie genauso poulär geworden wäre, hätten irgendwelche 2500´er sie in der Bundesliga gespielt, warum gilt sie als eine der besten und schönsten Partien überhaupt? Äußerst lesenswert und aufschlussreich! Auf weitere Beispiele verzichte ich hier, da ich dem Leser nicht alle Spannung und Vorfreude auf dieses gelungene Buch nehmen will. Nur eines noch ganz kurz: Es gibt Filme, die sieht man sich nur einmal an und es gibt Filme, die kann man sich immer wieder ansehen und entdeckt etwas Neues, daß man vorher gar nicht bemerkte. Genauso verhält es sich mit diesem Buch!

Fazit: Ein großartiges Buch! Die perfekte Symbiose aus Kunst und Wissenschaft, übertragen auf das Schachspiel, wird hier spannend und innovativ dargelegt.

Bewertung: 5 von 5 möglichen Punkten.

Bewertungssystem: 5 = sehr gut 4 = gut 3 = befriedigend 2 = ausreichend 1 = mangelhaft 0 = ungenügend

Ich danke der Firma Schach Niggemann, die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, April 2008