Alexander Morozevich, Vladimir Barsky

Die Tschigorin Verteidigung nach Morosewitsch


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Sprache: Deutsch

Verlag: New in Chess

ISBN2:978-90-5691-262-8

239 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2008.

Erhältlich bei Schach Niggemann

Die Tschigorin-Verteidigung entsteht nach den Zügen 1. d4 d5 2. c4 Sc6 und ist benannt nach Michael Tschigorin, einem der ganz Großen der russischen Schachschule. Jahrzehnte galt sie als minderwertig und nur als gelegentliche Überraschungswaffe brauchbar, selbst als Smyslov im Kandidatenfinale 1984 gegen Kasparov diese Eröffnung anwandte, sagte Kasparov später darüber: „Tigran Petrosjan scherzte einmal: „Wenn Ihr Gegner die Holländische Verteidigung spielen möchte, sollten Sie ihn nicht daran hindern!“ Es gibt eine Menge Eröffnungen, für die dieser Witz zutrifft und die Tschigorin-Verteidigung ist eine davon…“ Übrigens endete die Partie mit einem Remis. In den letzten Jahren wurde diese Eröffnung von keinem geringeren als Weltklassegroßmeister Alexander Morosewitsch reanimiert, zahlreiche Erfolge hat er damit errungen und gilt unbestritten als führende Autorität auf diesem Gebiet. Die derzeitige Nummer 3 der Weltrangliste führt den Lesern die Tschigorin Verteidigung aus seiner persönlichen Sichtweise vor, das Buch behandelt nicht die gesamte Theorie dieses Systems sondern nur die Varianten, die auch Morosewitsch spielte oder spielen würde. Im Grunde genommen stellt das Buch also eine Art Eröffnungsrepertoire von Morosewitsch mit Schwarz auf 1.d4 dar. Aufgrund der 76 kommentierten Partien (darin enthalten weitere zahlreiche Partien) legt Moro seine persönliche Sicht der Dinge dar und zeigt klar, welchen Zug er in dieser und jener Variante für stärker hält und warum. Der Autor untersucht folgende Hauptsysteme: 1.d4 d5 2.c4 Sc6, und nun entweder 3.cd:, 3.Sf3, 3.Sc3 und Alternativen im dritten Zug für Weiß, nach jedem Kapitel folgt eine Zusammenfassung. Manches ist überraschend, manches völlig neu wie zum Beispiel die Variante 1.d4 d5 2.c4 Sc6 3.Sc3 dxc4 4.Sf3 Sf6 5.e4 Lg4 6.d5 Se5 7.Lf4 Sfd7 8.Lxe5 [Morosewitsch weist auch noch auf den bisher unerprobten Zug 8.Da4!? hin] 8...Sxe5 9.Lxc4 Sxc4 10.Da4+ Dd7 11.Dxc4 Lxf3 12.gxf3 g6 13.Sb5 mit Vorteil in einer Blitzpartie Karpov-Morosewitsch, Moskau 2001. Der Autor gibt als Verbesserung 7...Lxf3!? 8.gxf3 Dd6 an mit gleichen Chancen. Überhaupt beinhaltet das Buch 50 bisher unveröffentlichte Partien, wobei es sich hier zwar „nur“ um Blitz- und Schnellschachpartien handelt aber anscheinend hat Morosewitsch in den letzten Jahren einige geheime Trainingswettkämpfe gegen Anatoli Karpov und Wladimir Kramnik gespielt. Wie gesagt, es sind keine Turnierpartien gewesen aber trotzdem stellen sie ein äußerst interessantes Material zu dieser Eröffnung dar! Auch einige Internetpartien von Morosewitsch gegen solche Phantomspieler wie Raffael (viele sind der Meinung, es handle sich hierbei um einen sehr starken Großmeister wie zum Beispiel Kasparov oder Fischer) sind ins Buch aufgenommen worden und es ist spannend zu lesen, wen er dahinter vermutet. Erwähnenswert auch die Begebenheit, als Morosewitsch mit dem Zug von Simferopol nach Moskau unterwegs war. Auf dieser Reise wurde er von Wladimir Jurkov (ein hoch angesehener Schachtrainer) und Andrei Sokolow begleitet. Beide wollten dem Autor damals beweisen, dass diese „Schrotteröffnung“ nichts tauge und er doch lieber auf Nimzo- oder Damenindisch umsteigen solle. Doch alle Widerlegungsversuche scheiterten und Morosewitsch konnte sich mit seiner Meinung durchsetzen, für dieses Buch hat er die damals analysierten Varianten wieder hervorgeholt und präsentiert sie nun erstmals der Öffentlichkeit! Nach eigener Aussage will der Autor „seiner“ Eröffnung eine längere Pause auf Turnierebene gönnen und irgendwann später wieder darauf zurückgreifen, nur so ist es möglich und auch zu erklären, warum er viele, wenn nicht sogar alle Geheimnisse seiner Analysen hier preisgibt. Beeindruckend finde ich auch die Aufrichtigkeit, mit der er auch auf brandgefährliche weiße Varianten hinweist, viele wurden bisher in der Praxis noch gar nicht erprobt! Aber genauso gibt er dem Leser auch Verbesserungen für Schwarz mit an die Hand, weist auf bisher unbekannte Möglichkeiten hin und zeigt in den Hauptvarianten, den, seiner Meinung nach, richtigen Weg. Ich habe selten solch ein objektives Eröffnungswerk wie das vorliegende gelesen, ich kann mich nur wiederholen, absolut beeindruckend! Anhand der kommentierten Partien, der gesamten Art und Weise wie hoch komplizierte Zusammenhänge auf dem Brett auch mit sehr viel Text erläutert wurde, erkennt man, dass hier ein absoluter Experte auf diesem Gebiet tätig war. Morosewitsch schreibt zum Beispiel bei der Kommentierung der Partie Kasparov-Smyslov 1984, 11.Wettkampfpartie folgendes: „Das erste Ziel von Schwarz besteht darin, seine Entwicklung zu beenden. Am besten rochiert er kurz, wo sein König recht sicher verteidigt wird. Mehrere Male habe ich den Plan mit …Sge7, …O-O, …f5 angewendet, der im Großen und Ganzen nicht schlecht ist, aber anschließend, wenn die Stellung geöffnet wird, kann sich die Tatsache, dass der König auf g8 exponiert ist, auswirken. Heute denke ich, dass es keinen Grund gibt, sich mit dem Vorstoß des f-Bauern zu beeilen und es besser ist, streng nach Feldern zu spielen: entwickle den Königsspringer nach f6 oder e7, rochiere, platziere die Türme im Zentrum – Tad8 und Tfe8, spiele b6 und vielleicht Sa5 und rücke möglicherweise mit c5 vor. D.h., bemühe Dich, die Figuren harmonisch aufzustellen und warte darauf, zu sehen, was Weiß tun möchte“. So geht es das ganze Buch hindurch, präzise Analysen (Morosewitsch hat anscheinend bei seinen Analysen öfters die Schachengine Rybka konsultiert da er an vielen Stellen auf interessante Vorschläge des Programms eingeht) wechseln sich mit sehr viel Text ab, eine äußerst gelungene Mischung die jedem Schachfreund das Herz höher schlagen lässt! Fazit: Ein geniales Eröffnungsbuch von einem genialen Schachspieler! Für jeden zu empfehlen, der die Tschigorin-Verteidigung wirklich verstehen will. 5 von 5 möglichen Punkten. Ich danke der Firma Schach Niggemann, die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Martin Rieger, April 2008