Ticken Schachspieler anders?

Die deutsche Nationalspielerin WGM Vera Jürgens hat ein äußerst bemerkenswertes Buch geschrieben über uns Schachspieler und unsere „Marotten“. Wie sehen uns Menschen, die kein Schach spielen? Welche ungeschriebenen Verhaltensregeln gibt es überhaupt am Brett und wie kann ich meine Frau/Freundin davon abhalten, mich auf ein Schachturnier zu begleiten?

 

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Ich habe mit der Autorin, WGM Vera Jürgens für Freechess.info ein Interview geführt:

 

Nachfolgend ein Interview mit Vera Jürgens, in der sie über unfaire Gegner, Schachtraining mit Michail Tal und die kommenden Großereignisse in Deutschland spricht:

- Ihr Buch „Ticken Schachspieler anders?“ beschreibt unter anderem Verhaltensregeln am Schachbrett, was war diesbezüglich das Schlimmste oder Peinlichste was Sie jemals während einer Schachpartie erlebt haben?

Fast alle im Buch aufgeführten Beispiele für ein unkorrektes Verhalten am Schachbrett habe ich selber erlebt. Ich hatte Gegner und Gegnerinnen, die während der Partie lautstark Äpfel oder Möhren verspeisten, intensiv Kaugummi kauten und dabei Bläschen erzeugten, unzählige Male den Kugelschreiber an- und ausklickten, mich anstarrten als wäre ich nicht von dieser Welt und so weiter und so fort. Einmal hatte ich mich ziemlich aufgeregt, weil mein Gegner nach jedem Zug aufgestanden war, um sich bei den Schachkumpels, die mit am Brett standen, Rat zu holen. Ein anderes Mal erwischte ich meinen Gegner dabei, den bereits ausgeführten Zug wieder zurück zu nehmen. Ich war in der Nähe, saß aber nicht direkt am Brett und konnte ihm nichts nachweisen. Es sei allerdings erwähnt, dass sich längst nicht jeder Schachspieler durch ein unkorrektes Verhalten seines Gegners gestört fühlt. Möglicherweise nehmen viele so etwas gar nicht zur Kenntnis. Umso schwerer haben es diejenige (zu denen ich mich auch zähle), die während einer Schachpartie extrem empfindlich auf äußerliche Reize reagieren.

-Sie geben auch Tipps wie man Nichtschachspielende Ehefrauen oder Freundinnen davon abhält, einen auf ein Turnier zu begleiten. Ganz ehrlich, würde Sie es stören, wenn ihr Mann nicht Schach spielen würde und Sie auf jedes Turnier begleiten würde?

Wahrscheinlich würde es mich nicht stören, solange das Turnier gut läuft. Nach einer Niederlage (von mehreren ganz zu schweigen) aber, könnte es in der Tat kritisch werden. Es würde mich ärgern, wenn mein Mann nicht in der Lage wäre zu verstehen, wie ich mich nach einer verlorenen Partie fühle. Das Problem ist folgendes: während die begleitende Seite ein einwöchiges Schachturnier als eine Art Urlaub betrachtet, stellt sie für den Schachspieler (für die Schachspielerin) harte Arbeit, ja eine Art Prüfung dar. Dies könnte zu Missverständnissen führen und dazu, dass man beginnt, aneinander vorbei zu schweigen. Schachspieler sind als Teil unserer extrem leistungsorientierten Gesellschaft ebenfalls sehr leistungsorientiert und Turnierpartien mit ELO-Auswertung gegenüber sehr empfindlich. Viele setzen sich selbst unter Druck, ihre Wertungszahl zu verbessern oder sie wenigstens nicht zu verschlechtern. Leider! Ich wünschte, es wäre nicht so und es gäbe auch stark besetzte Schachturniere, die nicht ELO- und DWZ – ausgewertet werden. Die Teilnehmer eines solchen Schachturniers könnten nach Lust und Laune verlieren, sich aber trotzdem lieb haben und des Lebens freuen…

-Wie wichtig ist Psychologie im Schach auf Vereinsspielerniveau?

Vermutlich nicht weniger wichtig als auf einem höheren Level. Auf Vereinsspielerniveau habe ich oft beobachtet, dass man mittels „Schraubenzügen“ oder bewusstem Räuspern versucht, den Gegner einzuschüchtern. Ob man sich davon beeinflussen lässt, hängt wie gesagt von der Empfindlichkeit des Einzelnen ab.

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(WGM Vera Jürgens während einer Simultanveranstaltung)

-im Buch vertreten Sie die Meinung, dass es höchste Zeit wird, den Begriff „Fernschach“ durch „Computerschach“ zu ersetzen. Hört sich so an als wenn Sie dem Fernschach eher negativ gegenüber stehen würden.

Ich bin dem Fernschach gegenüber nicht negativ eingestellt! Warum sollte ich? Was ich aber schade finde, ist, dass die Entwicklung der Computertechnologien das Wesen des Fernschachs praktisch zerstört hat. Früher stellte das Fernschachspiel eine Herausforderung dar. Im Fernschach verfügt man über sehr viel Zeit (z.B. 40 Tage für je 10 Züge), um den besten Zug in einer Stellung zu finden, also wurden früher dadurch das analytische Denken und die Kreativität gefördert. Durch die Schachcomputer-Programme ist das heute irgendwie verloren gegangen. Leider! Zwar haben die Fernschachspieler nach wie vor ihre eigene FWZ – Wertungszahl, eigene Fernschachmeisterschaften und Veranstaltungen. Ich wette aber, dass viele Fernschachspieler der guten alten computerfreien Schachzeit nachtrauern, und genau darum ging es mir. Die Fernschachspieler selber tragen keinerlei Schuld an dieser Entwicklung!

-Zurück zum realen Turnierschach, vom 5. bis 9. Mai hat Bundestrainer Uwe Bönsch die Nationalmannschaften (Arkadij Naiditsch, Jan Gustafsson, David Baramidze, Falko Bindrich, Leonid Kritz, Georg Meier und Rainer Buhmann sowie das Damenteam, betreut von David Lobzhanidze, mit Elisabeth Pähtz, Ketino Kachiani-Gersinska, Vera Jürgens und Marta Michna) zum Vorbereitungslehrgang auf die kommende Schacholympiade nach Neustadt eingeladen. Können sie uns etwas darüber erzählen?

Die paar Tage in Neustadt haben mir sehr gut gefallen. Es gab nicht übermäßig viele Trainingseinheiten, was uns gemeinsame andere Unternehmungen ermöglichte. An einem Tag haben wir zum Beispiel ein Sportzentrum besucht und dort unsere sportliche Kondition auf die Probe gestellt. Nach einer Stunde Squash mit E. Pähtz war bei mir die Luft raus. Aber es hat Spaß gemacht! Solche gemeinsamen Unternehmungen sind sehr wichtig, um ein gutes Teamklima zu erzeugen.

-Haben Sie schon einmal mit einem solchen Schachgiganten wie Karpov trainiert und würden Sie es begrüßen, wenn so etwas öfters durchgeführt werden würde?

In meiner Jugend habe ich ein Trainingslager besucht, bei dem der damalige Exweltmeister Michail Tal als Trainer eingeladen war. Dieser Lehrgang hat bei mir tiefe Eindrücke hinterlassen. Selbstverständlich würde ich weitere Lehrgänge mit Schachgiganten wie A. Karpov begrüßen!

-Im Rahmen der Olympiasimultanreise besuchten Sie letztes Jahr auch meine Heimatstadt Regensburg. Wie man lesen konnte, waren sie ziemlich erschöpft von der langen Anreise, nimmt man solche Strapazen gerne in Kauf im Hinblick auf die Schacholympiade?

Ja, der Tag war hart, aber als Strapaze habe ich die Simultantour in Regensburg nicht empfunden, ganz im Gegenteil! Lange Anreisezeiten nehme ich gerne in Kauf, wenn ich dadurch meinen kleinen Beitrag dazu leisten kann, um für Schach (bzw. die Schacholympiade) zu werben.

-Ich stimme völlig mit Ihnen überein, dass es bedauerlich ist, dass hierzulande nicht mehr über Schach berichtet wird in den Medien, was muss und was kann sich ändern?

Tja, was soll ich dazu sagen? Man kann die Menschen nicht zwingen, Schach zu mögen und es als eine attraktive und sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu empfinden. Schach kann einen entweder total begeistern oder aber völlig kalt lassen. Was ich sehr erfreulich finde, ist die verstärkte Tendenz in Deutschland, Schach an Schulen (in Form einer Schach-AG) und neuerdings auch in den Kindergärten einzuführen. Die Presse hat ausreichend über ein Pilotprojekt "Schach im Kindergarten" berichtet. Schach fördert das räumliche und das logische Denken, die Konzentration und die Kreativität – so die Ergebnisse dieses Pilotprojektes. Wenn diese positive Entwicklung anhält, könnte das Schach in Deutschland in nur 10-15 Jahren einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Dies würden die Medien auch zur Kenntnis nehmen müssen. Ich glaube, Deutschland ist auf dem richtigen Weg, warten wir es also ab.

-Abschließend zwei Fragen zu den kommenden Großereignissen in Deutschland: Wer wird neuer Weltmeister und wo stehen die deutschen Teams am Ende der Olympiade?

Leider kann ich nicht in die Zukunft sehen. Kramnik geht meistens auf Nummer sicher, die Remisquote bei ihm ist ziemlich hoch. Anands Spiel dagegen ist risikoreicher. Meiner weiblichen Intuition zufolge wird Kramnik es aber trotzdem schaffen. Was die deutschen Olympiamannschaften angeht: Die Frauen sehe ich auf Platz sechs und die Männer auf Platz acht. Oder umgekehrt. Auf jeden Fall wäre eine einstellige Platzierung angesichts der Unmenge an kleinen Schachgenies, die Länder wie Ukraine, Russland, Armenien und China produzieren, ein Supererfolg.

 

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft!

Martin Rieger Freechess.de

Bildernachweis: www.schacholympiade.org