Chessbase 10

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Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit erinnern, als ich ziemlich aufgeregt und nervös auf mein erstes Chessbase wartete. Irgendwann lag es dann im Briefkasten und flugs wurde das Paket aufgerissen und die Diskette in den Rechner geschoben. Während man es sich mit einer Tasse Kaffee vor dem PC gemütlich machte, installierte sich das Chessbaseprogramm automatisch und voller Vorfreude inspizierte man das mitgelieferte Handbuch. War die Installation dann abgeschlossen, kam man aus dem Staunen nicht mehr heraus, tausende von Partien ließen sich mühelos verwalten, nachspielen und editieren. Die Jahre vergingen und das Programm wurde stetig weiterentwickelt und verbessert, Chessbase wurde zu einer mächtigen Waffe der häuslichen Vorbereitung führender Topgroßmeister.

 

Sommer 2008: Die neueste Version Chessbase 10 ist soeben erschienen, das Bild auf der DVD-Hülle wirkt kühl, steril, distanziert. Ein Diskettenlaufwerk besitze ich nicht mehr, braucht es auch gar nicht, schon lange wird das Programm auf CD oder jetzt DVD ausgeliefert. Die Installation geht erstaunlich flott, ich komme gar nicht dazu, meinen Kaffee zu trinken. Macht nichts, wir leben eben im Zeitalter der Hektik, Zeit ist ein wertvolles Gut und so mache ich mich daran, das Programm zu durchleuchten. Eine schöne, aufgeräumte Oberfläche begrüßt mich und ich fühle mich an mein erstes Chessbase erinnert, doch dieses mal ist es anders, irgend etwas stimmt nicht…

Nun hole ich mir doch einen Kaffee und beschließe, der Sache auf den Grund zu gehen. Als erstes will ich den neuen Partienservice testen, nach einer Registrierung kann man auf dem Chessbase-Server die neuesten Partien downloaden (nicht zu verwechseln mit TWIC, diese Partien kann man auch noch downloaden), diese Partien werden auch in späteren Versionen der Mega, bzw. Bigbase verwendet. Ich gebe meinen Registrierungscode ein und werde dann aufgefordert, meinen Aktivierungscode einzugeben (der leider nur ein Jahr gültig ist, wer danach immer noch die neusten Partien haben will, muss dafür extra bezahlen). Das Programm verabschiedet sich damit, dass mein Code falsch ist und führt einen Absturz erster Klasse hin.

Also noch mal von vorne, Programm starten, „Partien holen“ Button betätigt, Kennwort eingeben und dann wieder das gleiche: Aktivierungscode eingeben! Zur Sicherheit check ich mein Email-Postfach, vielleicht wird der Code ja per Mail mitgeteilt? Tatsächlich eine Mail von Chessbase, darin enthalten ist aber nur mein Kennwort, langsam zweifle ich an mir, kann es wirklich sein, dass man mit 38 schon senil wird?? Ich schreibe eine Mail an Chessbase, in der Zwischenzeit erfahre ich aus dem Internet, dass es jemanden genauso geht wie mir, der Partienservice mit Download funktioniert nicht richtig, Chessbase arbeite an dem Problem, kann aber 2 Wochen dauern, so die Antwort von CB.

Hmm, das finde ich irgendwie gar nicht lustig, als Rezensent habe ich das Programm zwar umsonst erhalten aber wenn jemand viel Geld dafür ausgibt wird er sich sicherlich ärgern und das zu Recht! Aber okay, Menschen sind keine Maschinen und Fehler dürfen auch passieren, so bleibt zu hoffen, dass bis zum Erscheinen dieses Artikels der Fehler behoben ist und ein entsprechendes Update verfügbar ist. Anscheinend gibt es auch Probleme beim normalen registrieren des Programms, ich erfahre gerade aus einem Schachforum, das ein Schachfreund beim Versuch der Seriennummereingabe ständig Fehlermeldungen a´la "Error in Crypring Guide" produziert…übrigens ist im Lieferumfang von ChessBase 10 keine neue Seriennummer für den Zugang zum Fritzserver enthalten, dafür aber wie gesagt eine Seriennummer für den Partien-Update-Service, die bis zum 31. Dezember 2008 gültig ist.

Ich versuche etwas anderes, das neue 3-D Brett! Ich öffne aus meiner Datenbank eine Partie und wechsle zum 3-D Brett, eine wunderschöne graphische Darstellung des Brettes und der Figuren, beinahe wie echt. Da ich gleichzeitig eine andere Partie in einem zweiten Fenster (normale Ansicht) geöffnet habe, fällt mir auf, dass beim Schließen des 3-D Brettes das erste (normale) Brett plötzlich im alten 3-D Look erscheint. Ich glaube an ein Versehen meinerseits und wiederhole den Vorgang, wieder verwandelt sich die Ansicht des ersten Brettes in die alte 3-D Ansicht…

Etwas genervt trinke ich meinen mittlerweile kalten Kaffee und beschließe feierlich, zukünftig einen Tassenwärmer zu benutzen. Nach einer kleinen Pause lade ich eine Großmeisterpartie aus der Bigbase und lasse das Programm nach Referenzpartien in der Onlinedatenbank suchen. Das Ergebnis ist wahrlich verblüffend: Rasend schnell werden vergleichbare Partien aufgelistet, ich bin überrascht und erfreut über die Geschwindigkeit dieses Versuches, vielleicht habe ich das Programm bisher zu streng bewertet und glaube fest daran, dass nun alles besser wird. Schnell noch nach Dubletten in meiner lange vernachlässigten WM-Datenbank suchen lassen um auch hier die Geschwindigkeit zu testen und dann … kam das Aus.

Wieder ein kleiner netter Absturz, das Programm steigt völlig aus und ich muss den kompletten PC neu booten. Langsam frage ich mich, ob ich nicht besser Urknallszenarien auf meinen PC simulieren lassen sollte anstatt nach doppelten Partien in einer Schachdatenbank zu suchen, vielleicht würde dies weniger anstrengend für den Computer sein?! Ich schiebe diesen faszinierenden Gedanken zur Seite und probiere die Funktion „gegen Weiß/Schwarz vorbereiten“ aus.

Anhand meiner eigenen Weiß-Partien will ich sehen, wo ich meine eröffnungstheoretischen Mängel habe und zukünftige Gegner und CB10 Anwender suchen werden. Das Programm meldet binnen von Sekunden: Kritisch: 1.d4 Sf6 2.Sf3 g6 3.c4 81% für Weiß. 1.e4 e5 bringt magere 41% für Weiß, also wäre dies ein guter Weg mich zu schlagen nur leider ist diese Information völlig insuffizient da bei frühen Abweichungen schnell plötzlich wieder 100% für mich werden. Ein nettes Tool aber vollkommen sinnlos und überflüssig also. Außerdem haben andere CB10 Anwender darauf hingewiesen, dass es teilweise falsche Ergebnisse liefert (CB ist das Problem bereits bekannt!).

Die Geschwindigkeitszunahme diverser Anwendungen liefert sich mit Totalabstürzen des Computers ein packendes Duell, es ist erstaunlich kurzweilig zu verfolgen, wer nun als erster durch die Ziellinie gehen wird, aber das nur für den Fall, sollte es mal keine Sportübertragung mit Amphetamin-Radsportler oder Anabolika-Leichtathleten geben. Auf der mitgelieferten Bigbase 2008 (ebenfalls auf der DVD enthalten) finde ich 3803334 Partien aus dem Zeitraum 1475 bis 2007, eine wirklich beeindruckende Sammlung von Schachpartien! Die Anzahl der Dubletten dürfte äußerst gering sein, zum Beispiel finde ich bei Viktor Kortschnoi nur drei doppelte Partien, bei Karpov und Timman dagegen gar keine! Eine qualitativ sehr hochwertige Schachdatenbank mit der sich für den Anfang sehr gut arbeiten lässt!

Daneben gibt es im Chessbase-Sortiment noch weitere zahlreiche gut gepflegte Datenbanken (zum Beispiel die Megabase mit kommentierten Partien) und Trainings-DVD´s zu allen möglichen Themen wie Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel. Diese müssen aber separat erworben werden (die Megabase ist nur beim Vollpaket enthalten).

Aber zurück zum Programm selbst: Was sind die Neuerungen gegenüber der Vorgängerversion?

Eine integrierte, neu aufgebaute und aktuelle Onlinedatenbank mit Suchergebnis in Sekundenbruchteilen (mit DSL wirklich sehr schnell!); automatische Aktualisierung der Referenzdatenbank (Big- bzw. Mega) im Abonnement (optional); Anzeige von Partien und Zügen mit Statistiken in Baumdarstellung, bei allen Suchen feste Auswahlbasis nur hochwertiger Partien; Eröffnungsreferenz erweitert mit Übersicht häufiger Varianten; neuer Suchbeschleuniger für blitzschnelle Resultate (wobei mir hier aufgefallen ist, dass man als Anwender gar nicht gefragt wird, ob man bei einer neuen Datenbank einen Beschleuniger überhaupt anlegen will), Eröffnungsbücher mit sofort sichtbaren Gegenzügen; sekundenschnelle komfortable Spielervorbereitung mit Baumdarstellung und Partien; Spielerdossier mit besserer Eröffnungsreferenz; für Fernschachspieler direkter Anschluss an den ICCF-Server, neue Enginefunktionen z.B. mit Anzeige verworfener Varianten, Online Datenbank bei Kiebitzen, Schach 960, ECO-Code in Partienliste, Taktiktraining. Außerdem ein neuer Look mit hoch aufgelösten Figuren und verbesserter Fensterverwaltung.

Nicht ganz unwichtig sind auch die Hardwareanforderungen des Programms:

-Minimal: Pentium 1 GHz, 512 MB RAM, Windows Vista oder Windows XP (Service Pack 2), DVD-ROM Laufwerk, Windows-Media Player9, für Onlinedatenbankzugriff: Internetzugang erforderlich.

-Empfohlen: PC Intel Core 2 Duo, 2,4 GHz, 4 GB RAM, Windows Vista 64, GeForce8 Grafikkarte (oder vergleichbar) mit 256 MB Speicher oder besser, 100 % DirectX kompatible Soundkarte, Windows Media Player 11, DVD-ROM-Laufwerk, für Onlinedatenbankzugriff: Internetzugang erforderlich.

Das neue Chessbase ist erhältlich als

-Startpaket (154,90): ChessBase 10 Programm mit Zugang zur neuen aktuellen CB-Onlinedatenbank, ChessBase Big Database 2008 mit 3,75 Mio. Partien + online Aktualisierung der Referenzdatenbank bis 31. Dezember 2008, Spielerdatenbank mit über 30.000 Spielerportraits, Fritz 6-Engine und Crafty-Engine, Drei aktuelle Ausgaben vom ChessBase Magazin (DVD + Heft).

-Upgrade von ChessBase9 (99,90!): ChessBase 10 Programm mit Zugang zur neuen aktuellen CB-Onlinedatenbank, Datenbank mit 3,5 Mio. Partien, Spielerdatenbank mit über 30.000 Spielerportraits, Fritz 6-Engine und Crafty-Engine.

-Megapaket (353,90): ChessBase 10 Programm mit Zugang zur neuen aktuellen CB-Onlinedatenbank, ChessBase Megadatabase 2008 mit 3,75 Mio. Partien + online Aktualisierung der Referenzdatenbank bis 31. Dezember 2008, Spielerdatenbank mit über 30.000 Spielerportraits, Fritz 6-Engine und Crafty-Engine, DVD Fritz Endspielturbo 3 (9 DVDs), ChessBase Fernschachdatenbank 2009, ChessBase Magazin Jahres-Abo 2008.

Mittlerweile habe ich das Programm einige Tage getestet und bin, milde ausgedrückt, unzufrieden und etwas enttäuscht. Klar, das neue Chessbase10 läuft schneller als seine Vorgänger dafür hat es leider auch die Angewohnheit öfters zu stolpern, sprich, abzustürzen. Die neuen Funktionen sind teilweise ganz nett und brauchbar, lebensnotwendig sind sie aber ganz bestimmt nicht. Überhaupt ist mir das ganze Programm zu wuselig und aufgebauscht, beim Abrufen diverser Informationen kann man schon mal schnell den Überblick verlieren und fühlt sich Angesichts dieser Informationsfülle förmlich erdrückt. Ich persönlich hätte es begrüßt, wenn man mehr Wert auf Systemstabilität und Benutzerfreundlichkeit gelegt hätte.

Fazit:

Das neue Chessbase10 bietet gegenüber der Vorgängerversion einige „Verschlimmbesserungen“ die es in sich haben! Angefangen von nervigen und teilweise unmöglichen Registrierungen/Aktivierungen über offensichtliche Bugs bei einzelnen Funktionen bis hin zu Totalabstürzen ist alles vertreten was dem Kunden hier geboten wird. Ich persönlich würde mir dieses Programm nicht kaufen, da ältere Versionen ihren Zweck genauso gut oder sogar besser erfüllen.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Chessbase zur Verfügung gestellt.

Martin Rieger, Juli 2008

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