Marion Bönsch-Kauke

Nervenkrieg - von Aura bis Zweikampf

Angewandte Psychologie für Trainer, Schachlehrer und Spieler

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Sprache: Deutsch

Verlag: Frank & Timme

ISBN-13: 978-3-86596-204-1

317 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2008.

Erhältlich bei Schach Niggemann

 

New York, World Trade Center, 1995:

Zwei vornehm gekleidete Herren sitzen in einer schalldichten Glaskabine und spielen Schach. Das leise Räuspern und Hüsteln einiger Zuschauer dringt nicht bis zu den Kontrahenten vor, in voller Konzentration über das Brett gebeugt, nehmen sie nichts von der Außenwelt war. Die bedächtige Stille dieses Ortes der praktizierten Geisteskraft auf 64 Felder wird zum Schauplatz für angewandte Psychologie und zum Lehrstück für psychologische Kriegsführung.

Gary Kasparov liegt nach der neunten Partie in Rückstand und es scheint sich für den Herausforderer Anand eine Sensation anzubahnen. Dort, wo es rein sportlich gesehen für keinen der beiden Spieler ein reales Weiterkommen gibt, werden andere Register gezogen. Mit lautem Türen knallen (und anderen Mätzchen) bei jedem verlassen des Raumes, bringt Kasparov seinen Gegner derart aus dem seelischen Gleichgewicht, dass dieser in den nächsten Runden völlig einbricht…

Man mag es unfair oder auch raffiniert nennen, derartige Winkelzüge gab es schon lange vor diesem Kampf und wird es auch immer geben. Der moralische Sieger mag ein anderer sein als der, der sich am Ende des Wettkampfes als Sieger bezeichnen darf, ob dies dem Unterlegenen ein Trost ist, mag dahingestellt sein. Lehrreich sind solche Aufführungen allemal, Trainer, Psychologen und auch Spieler können daraus ihre eigenen Schlussfolgerungen ziehen und sich gezielt dagegen wappnen (oder auch selbst praktizieren).

Schachpsychologie läst sich aber natürlich nicht nur auf diesen Komplex reduzieren, die praktische Anwendung umfasst viele andere Gebiete auf und neben dem Schachbrett. Wie überwinde ich meine Furcht vor einem bestimmten Angstgegner? Wie bereite ich mich psychologisch auf eine Partie vor? Welche Tricks wenden Motivationstrainer bei ihren Schützlingen an? Wie bringe ich meine Gegner mit fairen/unfairen Mitteln aus dem Gleichgewicht? Diese und viele andere Themen behandelt die Autorin auf unterhaltsame Weise, manchmal humorvoll, manchmal nüchtern sachlich, immer im Bestreben, den Leser wertvolle Informationen zu liefern und zum Nachdenken anzuregen.

Die Autorin weiß übrigens, wovon sie spricht, bzw. schreibt: Als Mentalcoach betreute sie die deutschen Schach-Nationalmannschaften, unterweist Lizenztrainer, Ausbilder im Deutschen Olympischen Sportbund und internationale Professionals in Pädagogischer Psychologie und Sozialkompetenz, kann auf zahlreiche universitäre Lehrveranstaltungen, Forschungsprojekte und Buchveröffentlichungen verweisen und verfügt noch ganz nebenbei über den Trainerpass für sozialpsychologisches Verhaltenstraining in Denkbeweglichkeit, Konfliktlösen, Verhandlungsführung und psycho-regulativen Verfahren.

Das Buch bietet interessante Einblicke in die Psychologie des Schachsports, allen damit verbundenen Begleiterscheinungen und geht darüber noch weit hinaus! Die Untersuchungen und Ergebnisse lassen sich nämlich durchaus auch auf schachfremde Bereiche übertragen, unfaire Methoden am Schachbrett oder Mobbing am Arbeitsplatz, Furcht vor dem Angstgegner oder Überwindung einer Phobie lassen sich ohne Zweifel miteinander vergleichen aufgrund ihrer Eigenschaften.

Es gibt keine Patentlösungen für derartige und ähnliche Probleme, von Konfuzius stammt die bekannte Aussage „Zhi yu Dao“ („Ich habe meinen Willen auf das Dao (Weg) gerichtet“ oder „Der Weg ist das Ziel“), die Autorin schreitet auf diesem Weg und zeigt dem Leser Lösungsansätze und wertvolle Hinweise. Durch die Lektüre des Buches werden neue Perspektiven aufgezeigt, vielleicht verborgene Ressourcen freigelegt und scheinbar unüberwindbare Denkblockaden beiseite geräumt. Schachspieler, Trainer und Betreuer kann dieses Buch nur wärmstens empfohlen werden.

 

Ich danke der Firma Schach Niggemann, die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, November 2008