Lars Schandorff

Playing the Queen’s Gambit

A Grandmaster Guide

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Sprache: Englisch

Verlag: Quality

ISBN-13:978-1-906552-18-3

248 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2009.

Erhältlich bei Schach Niggemann.

 

 

Derzeit haben Repertoirebücher wieder Hochkonjunktur, siehe Avrukhs 1.d4 oder Marins Beating the Open Games. Im Prinzip eigentlich verständlich, ein vorgefertigtes Schacheröffnungsrepertoire, wohl durchdacht und hoffentlich wasserdicht präpariert, wird dargeboten und soll dem Leser suggerieren, dass ab nun sämtliche Eröffnungsprobleme der Vergangenheit angehören. Die Illusion des perfekten Repertoires wird genährt von manchmal reißerisch wirkenden Titel und Behauptungen, die jenseits jeglicher Realität sind.

Ob das zu besprechende Buch sich in diese Kategorie einteilen lässt soll im Folgenden geklärt werden.

Zuerst etwas über den Autor des Buches GM Lars Schandorff. Der dänische Großmeister (ELO 2505) ist ein erfolgreicher Turnierspieler der zuletzt bei der Schacholympiade in Dresden aktiv war. Lange Zeit war er in der deutschen Schachbundesliga für Werder Bremen tätig, 2004 gewann er mit der Mannschaft den Meistertitel. Wenn er nicht gerade am Brett sitzt schreibt er eine tägliche Schachkolumne für die Berlingske Tidende oder eben Schachbücher wie Playing the Queen’s Gambit.

Kommen wir zum Buch selbst: Vorgestellt wird ein Repertoire nach 1.d4 d5 2.c4, für alles andere wie Holländisch oder die indischen Eröffnungen muss man auf andere Quellen zurückgreifen. Der Autor wählte bewusst Hauptvarianten und geht den Weg des Erprobten. Als Anschauungsmaterial hat der Autor 66 Partien in das Buch aufgenommen, in jedem der acht Kapitel gibt es eine allgemeine theoretische Einführung sowie Musterpartien und ein abschließendes Fazit.

Hauptbestandteil des Repertoires ist die Abtauschvariante im Damengambt (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 d5 4.cxd5 exd5 5.Lg5 c6 6.Dc2 Le7 7.e3 Sbd7 8.Ld3 0-0 9.Sge2 Te8 10.0-0 Sf8 11.f3 Le6 12.Tae1 Tc8 13.Kh1 S6d7 14.Lxe7 Txe7 15.Sf4 Tc7 16.Df2 Sf6 17.e4) wie es Kasparov des Öfteren praktizierte. Daneben werden angenommenes Damengamit, Slawisch, Semislawisch, Tschigorin, Tarrasch und seltenere Systeme abgehandelt.

Gewundert habe ich mich darüber, wie der Autor gegen Semislawisch vorgeht: 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 5.Lg5 dxc4 6.e4 b5 7.e5 h6 8.Lh4 g5 9.Sxg5 hxg5 10.Lxg5 Sbd7 11.exf6 Lb7 12.g3 Db6 13.Lg2 0-0-0 14.0-0 c5 15.d5 b4 16.Sa4 Db5 17.a3 Sb8 18.axb4 cxb4 19.Dd4 Sc6 20.dxc6 Txd4 21.cxb7+ Kb8 22.Le3 e5 23.b3 c3 24.Tfd1 Lh6 25.Lxd4 exd4 26.Txd4 c2 27.Tc4 hier gibt der Autor nur 27…Dxc4 mit einem schlechteren Endspiel für Schwarz an. Dabei führt hier 27… De5! 28.Tf1 c1D 29.Tcxc1 Lxc1 30.Txc1 Dxf6 31.h4 De6 32.Tc6 De1+ 33.Kh2 Dxf2 34.Sc5 Txh4+ 35.gxh4 Dxh4+ 36.Kg1 De1+ zwangsläufig zum Remis! Laut Theorie gibt es zwar angeblich bessere weiße Züge in der ganzen Variante, überprüft man diese aber mit den gängigsten Engines, werden vorhandene Bewertungen völlig auf den Kopf gestellt und an jeder Ecke lauern gefährliche Neuerungen für beide Seiten! Ich finde dieses hoch komplizierte System für ein allgemeines Repertoirebuch viel zu hoch gegriffen, außerdem ist es schon fast grob fahrlässig, dem Leser eine Eröffnungsvariante zu empfehlen, die einem Minenfeld gleicht.

Die Empfehlungen gegen andere diverse schwarze Systeme gehen zwar aus meiner Sicht in Ordnung, doch irgendwie blieb auch hier ein etwas mulmiges Gefühl. In vielen Varianten fehlten mir wichtige theoretische Erkenntnisse der letzten Jahre, bei einigen Systemen hatte ich den Eindruck, dass hier nicht ganz objektiv beurteilt wurde. Insgesamt gesehen ist der Versuch eines Weißrepertoires mittels des Damengambits zwar lobenswert aber kann doch nicht ganz überzeugen. Dafür hätte es entweder eine Menge mehr an Analysen und objektiven Beurteilungen geben müssen oder eben ein gänzlich anderes Repertoire mit weniger hoch komplizierten Systemen bei denen man nicht immer auf dem neuesten Stand bleiben muss.

Ich danke der Firma Schach Niggemann, die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, Februar 2009