Mark Dworetski

Die Universität der Schachanalyse

Das Mittelspiellehrbuch für den Praktiker

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Sprache: Deutsch

Verlag: New in Chess

ISBN-13: 978-90-5691-300-7

448 Seiten, gebunden, 1. Auflage 2009, original erschienen 2008.

Erhältlich bei Schach Niggemann

 

In meinen Händen halte ich gerade die deutsche Übersetzung des englischen Originaltitels aus dem Jahre 2008, Dvoretsky’s Analytical Manual. Den Autor, Mark Dworetzki, muss ich wahrscheinlich nicht mehr großartig vorstellen. Als Trainer und Autor genießt er weltweit sehr hohes Ansehen und seine bisherigen Werke zählen fast ausnahmslos schon jetzt zu Klassikern der Schachliteratur.

In dem vorliegenden Buch, das als Mittelspiellehrbuch für Praktiker konzipiert wurde, liegt der Schwerpunkt auf der Kunst der Analyse und der Psychologie des Kampfes. Zu beiden Themen wurden bereits einige Bücher verfasst und unweigerlich fragt man sich, ob Dworetzki hier tatsächlich noch etwas Neues hervorzaubern kann? Die Antwort auf diese Frage erübrigt sich zu 70% wenn auf einem Buch Mark Dworetzki als Autor angegeben ist und die restlichen 30% Gewissheit gewinnt man durch einen Blick ins Buch selbst.

Das erste Kapitel im Buch lautet: „sich in die Stellung vertiefen“. Dabei wird eine taktisch hoch komplizierte Partie genauer betrachtet und in allen Feinheiten untersucht. Anschließend geht es an die Analyse verschiedener Partien mit Hilfe des „Variantenbaumes“ (diese Bezeichnung stammt von Alexander Kotow aus „Think like a Grandmaster“). Höhepunkt des ersten Kapitels wenn nicht sogar des ganzen Buches ist die Betrachtung einer Stellung aus einer Partie der englischen Liga. Leider sind die Namen der Spieler nicht bekannt, wohl aber die besagte Stellung! Tony Miles hatte sie 2001 auf Chess Cafe veröffentlicht und analysiert. Dworetski untersuchte die Stellung genauer und förderte erstaunliche Details ans Tageslicht. Wie er selbst erzählt, verwandte er sie oft in Seminaren zu Trainingszwecken und verfeinerte im Laufe der Jahre seine eigenen Analysen. Dworetski rät seinen Lesern, diese Stellung weiter zu spielen unter Turnierbedingungen (auch öfters) und Ideen und Gedanken dazu niederzuschreiben. Sobald die Ergebnisse im Gedächtnis oder auf Papier festgehalten sind, sollte man seine eigenen Ideen mit den nachfolgenden Ausführungen Dworetskis vergleichen.

Hier übrigens die besagte Stellung:

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Weiß am Zug.

Auf den nächsten acht Seiten folgt nun eine Analyse Dworetskis in die er auch zahlreiche Verbesserungen aufmerksamer Leser eingearbeitet hat. Kaum zu glauben das eine äußerlich so einfach aussehende Stellung solch tiefe Geheimnisse birgt! Nach der Durcharbeit dieses Kapitels glaubte ich, das ich schon eine ganze Menge über diese Stellung gelernt hatte, aber es kam wie es kommen musste… Dworetski schreibt in dem darauf folgenden Kapitel: „Das vorige Kapitel endete mit einer Anmerkung zur Reichhaltigkeit der Ideen im Schach. Tatsächlich hätte ich mir nicht träumen lassen, das der Versuch dieser scheinbar so einfachen Stellung ihre Geheimnisse zu entlocken, sich als so extrem schwierig erweisen würde oder dass ihr Studium so viele tiefe, feinsinnige und hin und wieder auch wunderschöne Varianten zu Tage fördern würde?“ Durch zahlreiche Hinweise von Lesern und durch Trainingssitzungen mit Großmeistern wurde die oben gezeigte „Miles-Stellung“ weiter verfeinert und noch genauer unter die Lupe genommen. GM Sutovski und auch GM Morosewitsch steuerten wichtige Ideen und Analysen dazu bei um Licht in die Sache zu bringen.

Und das Resultat dieser Untersuchungen?

Lassen sie sich überraschen!

 

Wie Dworetski richtigerweise anmerkt, ist der beste Weg, das positionelle Gefühl zu schulen, „die analytische Überprüfung unserer intuitiven Einschätzungen“ und weiter: „Auf diese Weise schärfen und verfeinern wir unser Verständnis verschiedener Typen positioneller Probleme und verringern die Zahl unserer Fehlurteile“. Durch eine zugegebenermaßen sehr intensive Beschäftigung mit dieser Stellung begreift man erst nach längerer Analyse die inneren Zusammenhänge und deren Logik. Mit fortschreitender Dauer entfalten sich vor dem geistigen Auge des Betrachters die Gesetzmäßigkeiten der Stellung und man ahnt, welcher Schlüssel zu den Geheimnissen dieser Stellung passt. Dem aufmerksamen Leser tut sich sozusagen eine neue Welt auf, er erkennt, auf was ankommt und was weniger wichtig ist. Durch diese Herangehensweise steigert er unbemerkt die Qualität seiner Bewertungen und damit auch seine eigene Spielstärke.

Die anderen Kapitel im Buch sind ähnlich strukturiert, Dworetski präsentiert dem Leser verschiedene Stellungen und fordert ihn auf, diese selbstständig zu untersuchen, wenn möglich unter Turnierbedingungen auszuspielen. Danach teilt er seine eigenen Analysen mit dem Leser und genau dieser Vergleich zwischen den eigenen Ideen und die des Autors halte ich für äußerst lehrreich und prägnant! Das Buch bietet hervorragendes Trainingsmaterial höchster Güte, eine intensive Beschäftigung damit verspricht meiner Meinung nach einen deutlichen Spielstärkezuwachs. Empfehlen würde ich das Buch Spielern ab einer Wertungszahl von ca.2000, liegt jemand darunter, würde ich als Grundvoraussetzung eine hohe Motivation und Trainingsfleiß nennen.

Positive Anmerkung zum Schluss: Das Buch kommt in einem stabilen, schönen Festeinband daher, das Layout ist vorbildhaft und die deutsche Übersetzung wurde hervorragend von GM Karsten Müller bewerkstelligt.

Fazit: Das ist vielleicht Dworetskis bestes Buch. Wer sich im Schach wirklich verbessern will, kommt an diesem Werk absolut nicht vorbei!

 

 

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Ich danke der Firma Schach Niggemann für das Rezensionsexemplar.

Martin Rieger