Jeroen Bosch

Schach ohne Scheuklappen 11

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Sprache: Deutsch

Verlag: New in Chess

ISBN-13: 978-90-5691-

143 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2009.

Erhältlich bei Schach Niggemann

 

Manchmal ist es wirklich zum „Aus der Haut fahren“!

Da bereitet man sich zur Abwechslung schon mal gewissenhaft auf seinen nächsten Schachgegner vor, schaut sich wichtige Hauptvarianten und neueste Großmeisterpartien an und dann…sitzt man wie der dumme August vor seinem fies grinsenden Gegner und starrt glanzlosen Auges auf eine Stellung, die man Zuhause so aber nicht vorbereitet hatte. Der werte Gegner zaubert irgendeine Variante aus dem Ärmel die man nicht mal vom Hörensagen kennt und im schlimmsten Fall kann man sich nach der Niederlage vom Gegner mit den Worten trösten lassen, dass „schon viele Leute darauf reingefallen sind“.

Sollte das schachliche Selbstbewusstsein dann aber so angekratzt sein, dass man zukünftig feierlich schwört, niemals mehr ein Eröffnungsbuch in die Hand zu nehmen und nur noch Aufbauten wie zum Beispiel den Hippopotamus (h6,g6,e6,d6,b6,a6,Lg7,Lb7,Sge7,Sbd7), Colle oder 1.g3 und „mal schauen was danach passiert“ praktiziert, dann haben alle zukünftigen Gegner bereits jetzt schon einen psychologischen Vorteil gegenüber der eigenen Eröffnungsstrategie.

Doch warum die Vorzeichen nicht einfach umkehren und den Gegner überraschen und vor unangenehme Entscheidungen stellen? Ein stabiles, gut durchdachtes Eröffnungsrepertoire gewürzt mit einigen Überraschungswaffen und giftigen Nebenvarianten erhöht die Chancen beträchtlich, a) vor unliebsamen Überraschungen bewahrt zu bleiben, b) den Gegner selbst zu überraschen und c) letztendlich mehr Erfolge zu erzielen.

Die Reihe „SOS- Sekrets of Opening Surprises“ aus dem Hause New in Chess hilft Ihnen dabei, in den verschiedensten Eröffnungsvarianten interessante, gefährliche und was das Wichtigste ist, relativ unbekannte Varianten zu finden. Dazu werden in jedem Band mehrere (in dem vorliegenden Band sind es 16) Systeme vorgestellt, die vom jeweiligen Autor (unter anderem GM Flear, GM Tiwiakov, GM Aagaard) in einzelnen Kapiteln behandelt und analysiert werden.

Dabei handelt es sich aber nicht um theoretische Abhandlungen über z.B. eine Neuerung im 35.Zug im Dameninder sondern um Systeme, in denen ein überraschender Zug meist noch vor dem 6.Zug folgt. Stirnrunzelnde Damengambitdogmatiker, empiristische Najdorftheoretiker oder missionarische Blackmar-Diemergambitverkündiger sollten hier nicht Weiterlesen, zu groß ist die Gefahr, dass deren Eröffnungsweltbild ins Wanken gerät oder gar einstürzt.

Also, ich muss Sie, falls Sie in eine dieser Kategorien Zuhause sind, bitten, einfach weiterzublättern.

 

Sie sind immer noch hier?

Okay, ich hab Sie gewarnt!

GM Glenn Flear zum Beispiel hat lange und tief gegraben im Bergwerk der Eröffnungsgemeinheiten und hat etwas mitgebracht, das jedem Evansgambitspieler einen kalten Schauer über den Rücken jagt: 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 d5!? Das Gambit wird mit einem Gambit beantwortet!

Seltsamerweise gibt es für Weiß keinen offensichtlichen Weg zu Vorteil, die ECO gibt zwar die Zugfolge 4...d5 5.exd5 Sxb4 6.0-0 Sf6 7.Sxe5 Sbxd5 8.d4 Ld6 9.Lg5 c6 10.Sd2 0-0 11.Df3 h6 12.Lh4 Le6 13.Tab1 mit weißem Vorteil an (Schiffers - Pillsbury, Nuernberg 1896), doch Flear gibt 8…Le7 als Verbesserung an und analysiert die daraus resultierenden Stellungen. In der Partie Della Morte, G (2101) - Pierrot,J (2431) [C51] Buenos Aires 2004, konnte Schwarz mit seiner Eröffnungswahl zufrieden sein: 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 d5 5.exd5 Sxb4 6.0-0 Sf6 7.Sxe5 Sbxd5 8.d4 Le7 9.Df3 0-0 10.c3 Le6 11.Ld3 c6 12.a4 Dc7 13.Lb2 Sd7 14.Te1 Sxe5 15.Txe5 Ld6 16.c4 Sf6 17.Tg5 Lf4 18.Txg7+ Kxg7 19.d5 Le5 20.De2 Lxb2 21.Dxb2 cxd5 22.Ta3 d4 23.Dxd4 Tfd8 24.Dh4 De5 0-1

In der Auswahl seltener Züge traf GM Nigel Short eine eher gemäßigte Entscheidung, in seiner Partie gegen den schwedischen Nachwuchsspieler Nils Grandelius griff Short zu einer Idee aus dem SOS-Band 5:

Short,N (2674) - Grandelius,N (2491) [B90] Sigeman & Co Malmo (3), 2009 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.Df3 Short will einfach nur Schach spielen und keinen Theoriekrieg gegen einen Youngster, der sich mit Sicherheit sehr lange auf irgendeine Spezialvariante vorbereitet und womöglich eine Neuerung in Petto hat. Jeoren Bosch (Chefredakteur SOS) hat diesen Zug in Band 5 vorgestellt und als spielbar eingeschätzt. 6…Sbd7 7.Le2 g6 8.Le3 Lg7 9.h3 Se5 10.Dg3 b5 11.f4 Sc4 12.Lxc4 bxc4 13.f5 Lb7 14.Dh4 Da5 15.0-0 0-0 16.Tad1 Tae8 17.fxg6 hxg6 18.Sf5!! gxf5 19.Txf5 d5 20.exd5 Db4 21.Lh6 Db6+ 22.Kh1 Sh7 23.Lxg7 Kxg7 24.Td4 Th8 25.Tg4+ Kf8 26.Dh5 Lxd5 27.Sxd5 De6 28.Sc7 (28.Txf7 mit nachfolgendem Matt wäre genauer gewesen) 1-0.

Tibor Karolyi untersucht in seinem Kapitel das überraschende 1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sd7 5.Sg5 Da5+!?. Lange Zeit hat der Zug 5.Sg5 die betulichen Caro-Kann Anhänger in Angst und Schrecken versetzt, selbst Kasparov verlor mit Schwarz ziemlich grausam gegen den Computer. Ich muss zugeben, den Zug 5…Da5 habe ich bisher auch noch nicht gesehen, auch 5…Dc7 hält der Autor für durchaus spielbar, in der Praxis wurde er bisher noch nicht getestet. Zu 5…Da5 bringt Karolyi einige erhellende Partiebeispiele und erzählt die Entstehungsgeschichte zu diesem Zug.

IM Stefan Löffler erzählt, wie er von der Variante 1.d4 Sf6 2.Lg5 Se4 3.Lf4 c5 4.f3 Sf6 5.d5 Sh5!? erfuhr und untersucht die möglichen Abspiele. Zwar zieht der Springer bereits zum vierten Mal, diesen Umstand auszunutzen fällt aber für Weiß schwerer als angenommen.

Daneben gibt es natürlich noch weitere interessante Kapitel über seltene und gefährliche Eröffnungswaffen, die alle darauf warten, in der Praxis angewendet zu werden. Deshalb ist das Buch auch kein Theoriewerk sondern ein nützlicher Ratgeber mit frischen, unverbrauchten Ideen.

Empfehlen kann ich das Buch für alle, die auch Neuem aufgeschlossen sind und bereit sind, vertretbare Risiken einzugehen. Fazit: Exorbitante Eröffnungsideen für die Praxis!

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6 von 6 möglichen Punkten.

 

Ich danke der Firma Schach Niggemann für das Rezensionsexemplar